03.11.2019
Heute sollte es nun losgehen.
Da der Flieger nach Delhi planmäßig schon um 13:15h startet , habe ich mit Brigitta am Flughafen übernachtet und kam pünktlich zum Check in. Für vier Wochen trennten sich in Frankfurt unsere Wege, Brigitta fuhr zurück nach Wittnau, ich brach auf zu meinem vierwöchigen Aufenthalt in Dhulikhel/Nepal. Ich hatte über Jakob, unseren ältesten Sohn einen preiswerten Stand by-Flug gebucht, wie immer blieb es bis zum Schluss spannend, ob ich einen Platz bekommen würde oder nochmal in Frankfurt übernachten müsste.
Am Gate angekommen konnte ich die Wartezeit entspannt genießen, es waren genügend freie Plätze annonciert. Zeit genug, einige Vorträge noch einmal durchzusehen, die ich zu Hause vorbereitet hatte.
Schon um 11:40h erreichte mich der Anruf meiner lieben Frau, sie war nach staufreier Fahrt gut in Wittnau angekommen.
Mit diesem Flieger der Lufthansa A 380-800 und dazu noch auf den Namen „Delhi“ getauft sollte mein Flug von Frankfurt nach Delhi stattfinden.

Mit nur 1/2 Stunde Verspätung startete der A 380-800 in Frankfurt.
Mein Platz am Gang war sehr bequehm, es war ein „Tagflug“, schlafen war eigentlich nicht vorgesehen. Die Zeit verging mit zwei Filmen, Lesen, zwei Mahlzeiten sowie einem guten Rückenwind schnell vorbei. Nach knapp 7 Stunden erreichte ich um 20:37h (Ortszeit 01:07h, 04.11.2019) Delhi, die indische Hauptstadt.
04.11.2019
Der Anflug auf Delhi war problemlos, sehen konnte man bis knapp vor dem Aufsetzen nichts, Delhi war in dichtesten Smog gehüllt, die Menschen auf dem Flugfeld liefen zum großen Teil mit Atemschutzmasken herum.
Anlässlich des Besuches unserer Kanzlerin in Indien hatte die Presse darüber ja schon berichtet. Passend zu diesem Thema ein Logo, welches wir schon 2014 auf dem Flughafen von Delhi gesehen hatten.

Da ich ein preiswertes „Standby-Ticket“ hatte, konnte das Gepäck nicht nach Kathmandu durchgecheckt werden. Um das Gepäck in Delhi zu bekommen und um nach Kathmandu neu einchecken zu können, brauchte ich natürlich ein Visum für Indien und hatte mir dies auch schon zu Hause elektronisch besorgt.
Mein Handy hatte die Flugtickets inzwischen zum wiederholten Male in „unergründliche Tiefen“ versenkt, aber mit den Daten auf dem Laptop und meinem Reisepass gelang es die Bordkarte für den Flug nach Kathmandu zu bekommen und mein Gepäck erneut einzuchecken.
Die Wartezeit auf dem Flughafen in Delhi (6 1/2 Stunden) verbrachte ich mit Lesen, Handyladen und kurzen Schlafpausen, Liegestühle gab es natürlich nicht.
Aber auch die Stunden in Delhi gingen vorbei, der Flieger startete um um 07:42h (Freiburg 03:12h) und erreichte nach 1/2-stündigem Flug um 09:13h Kathmandu.
Die Ankunft in Kathmandu war vertraut, 2014 waren wir auf dem Weg ins Mustang-Tal ja schon einmal hier!

Überraschend eingeschoben worden war ein traumatologisches Meeting in Janakpur im Süden von Nepal, also war die Reise für diesen ersten Tag noch nicht beendet. Vom internationalen Flughafen wechselte ich auf den Domestic Airport. Nach erneutem Checkout und Checkin war auch hier eine Wartezeit nicht zu vermeiden. Es blieb Zeit genug, die elektronischen Geräte aufzuladen, die Stecker passten!

Heiner Winker und ich fanden über unseren Mobilfunk rasch nach meiner Ankunft in Kathmandu Kontakt und trafen uns kurz vor dem Weiterflug nach Janakpur auf dem Domestic Airport. Ich wurde erinnert an unsere Wartezeit auf den Himalaya-Rundflug 2014, wir saßen damals an zwei verschiedenen Tagen in der selben Wartehalle und hofften auf günstige Winde, um dem Mount Everest zumindest per Kleinflugzeug ein wenig näher zu kommen.

14:12h bestiegen wir eine Maschine der Buddha-Air und erreichten nach 23-minütigem Flug die Stadt Janakpur im Süden Nepals (Freiburg 09:50h).
Meine Anreise fand also nach insgesamt 20 Stunden Flug- und Wartezeit ein erstes Ende.
Von den Organisatoren des Trauma-Meetings wurden wir am Flughafen abgeholt und mit einem Krankenwagen (ausfahrbare Liege, Sauerstoffgerät, Sitz für Begleitperson)

zu unserem Hotel in einem Außenbezirk der Stadt gebracht. Ein neu gegründetes Hotel, in großen Teilen noch im Bau, mit großem Schwimmbecken, die Zimmer einfach, aber insgesamt eine saubere und akzeptable Unterkunft!
Am Nachmittag besuchten wir das „Janakpur Trauma Center“, verbunden mit dem „Cranio-Facial-Center“, gegründet vor 2 Jahren vom Organisator der eintägigen Trauma-Konferenz, mit verständlichem Stolz wurden die Räumlichkeiten präsentiert: 1 großer Innenhof, 1 großer OP-Saal, 1 Aufwachraum. Aus unserer Sicht: Viele gute Gedanken wurden geplant, leider aber nur zum Teil umgesetzt. Überall, wo man hinschaut unfertige Bauabschnitte. Es war sauber, aber man fühlte sich hier nicht so richtig wohl! Betonierte Wände, nur zum Teil mit Außenanstrich, im Zentrum des Innenhofes ungepflegte Blumentöpfe. Das Zentrum wird geleitet von einem Professor der Orthopädischen Chirurgie, angestellt sind ein orthopädisch-chirurgischer Assistent und drei Dentisten, die nach Angaben des leitenden Arztes die Finanzierung sichern. Dazu bemerkten wir die an einem Werktag sehr geringe Zahl von Patienten. Hier kam die Frage auf, wie finanziert sich diese Einrichtung?
Nach nicht enden wollenden verschiedenen Besprechungen in verschiedenen Räumen des Zentrums konnten wir diesen Teil des Tages nur mit einem deutlichen Hinweis auf die uns umschwirrenden Mücken beenden und freuten uns auf eine, wenn auch kalte Dusche!
Der Abend fand dann im Hotel-Restaurant statt. Alle organisierenden und vortragenden Teilnehmer (Faculty) trafen sich zum Essen. Wir wurden mit typischer regionaler Kost ausgesprochen gut versorgt, dazu gab es Local-Beer und Tuborg, Zeit und Gelegenheit zu entspannen.
Gegen 22:00h verabschiedete ich mich von der Truppe, immerhin war ich jetzt seit meinem Abflug in Frankfurt mit ganz kurzen Unterbrechungen seit 29 Stunden wach und verzog mich in mein Zimmer. Nach einer kalten und erfrischenden Dusche (warmes Wasser gab es nicht) bewegte ich mich in Richtung Horizontale, worauf ich mich schon seit einigen Stunden gefreut hatte. Das Einschlafen war kein Problem, das Durchsschlafen auch nicht, am 05.11.2019 weckte mich der Wecker wie geplant.
05.11.2019
Nach erneut kalter Dusche gab es im Hotelrestaurant ein wahrlich spärliches Frühstück (Toast und Marmelade), der Kaffee war anders, aber gut!
Zum wiederholten Male war eine Verbindung zum Internet über meinen Laptop nicht zu bekommen, es blieb mir also nichts anderes übrig als meine Gedanken zunächst niederzuschreiben und einige Tage später in den Blog zu übertragen.
Die Trauma-Tagung fand im großen Veranstaltungsraum des Hotels statt (normalerweise Hochzeiten und …).
Nach dem Frühstück sollte die Tagung um 08:00h mit der Registrierung der Teilnehmer beginnen, aber …
Wie schon am Vortag stand man herum und redete miteinander, es schien ein wichtiger Teil der Eröffnungs-Zeremonie zu sein.
Der erste Vortrag startete schließlich um 09:30h, also mit 1-stündiger Verspätung! Nur wenige Referenten konnten in der ihnen vorgegebenen Zeit ihr Referat zu Ende bringen, viele Inhalte wiederholten sich, trotzdem trug man begeistert vor! Die Qualitätsunterschiede der Referenten aus Nepal (local faculty) waren erstaunlich, auch merkte man deutliche Unterschiede im Verhalten der Kollegen aus öffentlichen und privaten Krankenhäusern. Die sogenannte Faculty wurde ergänzt durch Referenten aus Neuseeland, Groß-Britannien und Deutschland. Die Kaffee-Pause wurde aus Zeitgründen gestrichen, statt dessen wurde der Kaffee rumgereicht, ging aber auch.
Zum Abschluss des Tagungstages erfolgte die Verteilung der Zertifikate, auch in Nepal gibt es Fortbildungspunkte, bin mal gespannt, ob auch ich diese Punkte bei der Landesärztekammer Baden Württemberg einreichen kann. Natürlich waren zahlreiche Photos der Teilnehmer und der Faculty nicht zu umgehen.
Inzwischen war es dunkel geworden und wir hatten noch nichts vom Ortsinneren gesehen. Mit dem „Ambulanzwagen“ des OP-Zentrums ging es in die Stadt, ich saß auf der sicher nicht mehr funktionsfähigen Trage, in für uns abenteuerlichem Tempo ging es vorbei an Rikschas, Mopeds, Vespas, die Straße kreuzenden Fußgängern, zahlreichen Hunden und am Straßenrand bzw. auf dem Mittelstreifen liegenden Kühen (wir merkten wie nahe wir Indien waren) ins Zentrum.
Hier hatten wir Gelegenheit, den Tempel der Shita (die Frau von Ram) zu besichtigen. Als Barfüßler sahen wir verschiedenen Zeremonien zu, die „Begleitmusik“ war enorm.

Einige nächtliche Eindrücke vom Straßenmarkt schlossen unseren kurzen Stadtbesuch ab und zurück ging es ins Hotel, wo es einen Abschlussabend mit Local-Food und Tuborg gab.
Auch am heutigen Tag war das Internet instabil, Nachrichten kamen und gingen, zum Transfer von Bildern und meines Berichtes reichte es jedoch nicht. Ich hatte meine Eindrücke und Gedanken jedoch aufgeschrieben und wollte diese dann in den folgenden Tagen in den Blog übertragen.
06.11.2019
Ich habe erneut gut geschlafen, der Nachholbedarf war ja nicht unerheblich!
Um 08:20h wurden wir abgeholt und zum Flughafen gebracht, der Flieger, eine Propeller-Maschine sollte uns zurück nach Kathmandu bringen. Bedingt durch den neuen Governors der Provinz 2 (ärmste Provinz von 7 nepalesischen Provinzen) hatte unser Flieger eine Verspätung von gut einer Stunde, aber wir hatten es ja nicht eilig. Angekommen fuhren wir per Taxi durch sehr dichten und staureichen Innenstadtverkehr in einen Außenbezirk der Stadt, um hier Ursel Winker (die Frau von Heiner Winker) aufzunehmen. Ursel hatte in den 2 Tagen unserer Abwesenheit einen Klangchalenkurs belegt und war begeistert.
Kathmandu hat sich aus meiner Sicht in den letzten 5 Jahren etwas verändert. Es wird viel gebaut, bzw. wiederaufgebaut, die Stadt ist wesentlich sauberer geworden, der Verkehr und der Smog haben sich deutlich verstärkt. Viele Menschen tragen Atemschutzmasken, die Polizisten im Straßenverkehr sind sicher nicht zu beneiden! Verglichen mit den Verhältnissen hier kann man die Innenstadt beispielsweise von Stuttgart mit einem Luftkurort vergleichen.
Nach einem kurzem Mittagsimbiss wurden wir von einem Landrover des Krankenhauses von Dhulikhel abgeholt und in einer etwa 1-stündigen Fahrt nach Dhulikhel gebracht.
Ankommend in Dhulikhel und im Hotel Dhulikhel Lodge brach schon die Dämmerung herein. Das Hotel liegt wunderschön am Hang und übertraf meine per Internet geweckten Erwartungen. Auch das Zimmer ist sehr schön und sicher sehr geeignet mir für die nächsten 3 1/2 eine schöne Bleibe zu bieten. Nach einem Aperitif (Ghorka-Beer) am offenen Kamin gab es ein sehr gutes Chicken-Curry, danach zogen wir uns in unsere Zimmer zurück, für den nächsten Tag war die Frühbesprechung im Krankenhaus für 08:00h geplant.
07.11.2019
Mein erster Tag im Krankenhaus von Dhulikhel! Um an der Frühbesprechung im Krankenhaus um 08:00h teilnehmen zu können, gab es ein frühes Frühstück. Zu Fuß konnten wir in 15 Minuten zum Krankenhausbereich gelangen.
Mein erster Eindruck, welcher Unterschied zum „Trauma-Center“ in Janakpur! Großer „Krankenhaus-Komplex“, zentrale Pforte, zahlreiche Gebäude mit den verschiedenen Disziplinen, Beschilderung, Besprechungsraum, OP-Trakt, Aufwach-Station, Intensiv-Station, Emergency-Abteilung, Blutbank, und vor allem viele Patienten, hier wird in den nächsten Tagen sicher einiges zu erzählen sein.
Die Frühbesprechung fand in einem großen Sitzungssaal statt, rund um einen Tisch im Rechteck saßen zwei Chefs, bzw. Oberärzte ca. 15 Assistenten gegenüber. In der zweiten Reihe saßen leitende Krankenschwestern, Gastärzte und damit Heiner Winker und ich. Die Assistenten berichteten einer nach dem anderen über die Ereignisse der vergangenen Nacht, das kannte ich schon aus meiner Zeit an der Universitätsklinik Freiburg, neu war die Teilnahme aller am Krankenhaus beteiligten Fachdisziplinen. Nach Abschluss der Rapporte konnte ich mich den Anwesenden vorstellen und kurz über meinen Werdegang berichten.
Im Anschluss nahm ich an einer Visite über die unfallchirurgische Station teil, von zwei jungen Assistenten wurden uns die hier liegenden Patienten mit ihren Verletzungen und deren Versorgung vorgestellt. Teilnehmer waren alle beteiligten Ärzte, die Krankenschwestern und die Physiotherapeuten, insgesamt ca. 20 Personen. Ich fühlte mich natürlich zurückversetzt in meine Zeit an der Klinik, in der ich die Aufgabe hatte, Oberärzten und dem Chefarzt zu erzählen, was sich auf der Station seit der letzten Visite getan hatte und positive sowie negative Kritik zu verarbeiten hatte. Die Eindrücke waren groß!
Sehr viele Motorradfahrer mit zum großen Teil komplizierten Frakturen im Bereich Ober- und Unterschenkel, Arbeiter, die sich während ihres Arbeitsaufenthaltes in Bahrain (moderne Sklaven) verletzt hatten, Stürze von Gerüsten und Bäumen. Die unfallchirurgisch-operative Versorgung dieser Patienten war exzellent! Frauen und Männer sowie einige Kinder waren gemeinsam in 6-Bett-Zimmern untergebracht, die Patienten hatten ihre normale Straßenkleidung an, die Ärzte trugen zum großen Teil Zivilkleidung.


Vor allen Zimmern hing ein Spender mit Händedesinfektionsmittel.


Heiner Winker berichtete mir über die unglaublichen Qualitätsverbesserungen in den letzten 6 Jahren, seitdem er regelmäßig zwei mal pro Jahr nach Dhulikhel reist. Offensichtlich fallen die Ratschläge auf fruchtbaren Boden, dies gilt in gleichem Maße für die anderen Fachgebiete. In unserer Lodge trafen wir in den ersten beiden Tagen auf viele Kollegen, alle im Rentenalter, die ebenfalls mit Rat und Tat zur Seite stehen, um die Entwicklung dieses Krankenhauses zu fördern. Es folgte ein ausgedehnter Rundgang durch den OP, erstaunliche Möglichkeiten der operativen Behandlung, die hier mit kräftiger Unterstützung aus Deutschland und vielen anderen Ländern geschaffen wurden. Es gibt inzwischen keine chirurgische Fachdisziplin, die hier noch nicht ausgeübt wird. Unter vielen anderen stand ein Patient mit einer komplizierten Tibiakopf-Fraktur auf dem Programm, wegen der erheblichen Weichteilschädigung war ein kniegelenksübergreifender Fixateur externe geplant. Die OP mußte ausfallen, der Patient hatte reichlich „Dal Bath“ zu sich genommen, auch dieses Problem war mir aus den Zeiten meiner Tätigkeit an der Klinik noch gut bekannt!
Den späten Nachmittag verbrachten wir auf der Terrasse unserer Lodge und ließen die Ereignisse des Tages an uns vorüberziehen. Mit Untergang der Sonne wurde es sehr rasch dunkel und kühler, man freute sich auf das offene Kaminfeuer.
08.11.2019
07:00h Frühstück auf der Terrasse der Lodge mit Blick auf die in den Wolken verborgenen Bergspitzen des Himalaya, aber die kommen den Wochen werden sicher noch den erhofften Ausblick bringen!
Die übliche Frühbesprechung in großer Runde, heute mit dem „großen Chef“ Ram Shrestha.
Danach zweiter Kaffee im Büro der leitenden OP-Schwester Sulekha. Treffen mit zwei leitenden Verwaltungsangestellten. Thema war die neue Wäscherei, hier sind Heiner Winker und der Rotary Club Erfurt, bzw. der gesamte District mit einer großen Spende beteiligt, im Rahmen eines sogenannten „Global Grant“. Wenn es dem RC Erfurt, bzw. deren derzeitigem Governor (Heiner Winker) gelingt € 40.000 an Spendengeldern aufzutreiben, gibt die Rotary Foundation das 1 1/2-fache, also € 60.000 dazu, sodass man auf eine Gesamt-Spendensumme von € 100.000 kommt. Die Wäscherei mit Waschmaschinen und Tumblern soll im November 2020 eröffnet werden, die bisherige Spendensumme liegt bei € 28.000. Die bisherigen Recherchen haben ergeben, dass die Firma Electrolux sowohl von Produkt- als auch von Preisseite der geeignete Partner ist. Hinzu kommt, dass diese Firma in Nepal eine Niederlassung hat, damit wären auch der Kundendienst und die Schulung gewährleistet. In den folgenden Wochen und Monaten bleiben noch die folgenden Fragen zu klären: Umgehung der Einfuhrsteuer (möglich mit der Deklaration als Medizinprodukt, was ja im weitesten Sinn auch richtig ist), Transport von Schweden (Produktionsland) über Deutschland oder direkt nach Nepal, Einbindung des lokalen Rotary-Club (RC Dhulikhel). Das ganz scheint jedoch auf einem sehr guten Weg!
Anschließend ein weiterer OP-Tag, bei mir beschränkte es sich noch auf Fragen bzgl. ambulanter Patienten, die Fragen nehmen zu, bei der ersten Visite am 07.11.2019 wurde ich schon mit einer großen Zahl mit Handchirurgischen Problemen konfrontiert (mehrere Patienten mit schwierigen körperfernen Speichenbrüchen und Handwurzel-Verrenkungsbrüchen).
Wir machten heute die Bekanntschaft von zwei Medizinstudentinnen aus Luxemburg, die in La Réunion einen Teil ihres praktischen Jahres (PJ) absolviert hatten und für weitere 4 Wochen in Dhulikhel als PJ in Dhulikhel arbeiten wollten.
Um 12:00h wollten wir uns auf den Weg zu einem Ausflug „in die Berge“ machen, kaum waren wir umgezogen wurde Heiner Winker gebeten, eine OP zu übernehmen. Ein Patient mit einer kniegelenksnahen Fraktur des Schienbeines und einem schweren Weichteilschaden (am 07.11.2019 wurde er wegen Nichtnüchternheit vom Programm gestrichen) bekam einen kniegelenksübergreifenden Fixateur externe.
13:30h machten wir uns auf den Weg und marschierten durch die Innenstadt von Dhulikhel, über „1000 Stufen“ vorbei an einer großen Buddha-Statue auf eine Bergkuppe (1800m) um dort in einer Lodge für zwei Tage zu übernachten.

Die Lodge „Name Buddha Resort“ wurde von einem deutschen Ehepaar gebaut und wegen des Bürgerkrieges erst 2012 eröffnet. Der Ehemann ist vor einigen Jahren verstorben, die Frau bewirtschaftet die Lodge weiter. Traumhaft gelegen, sehr gut gepflegt, zum Abendessen gab es ein sehr gutes vegetarisches Menu, als Nachttrunk einen Rumpunsch (Lorbeerblatt, frischer Ingwer, frische Minze, Zimtstange, Kardamomsamen, Nelken, schwarze Pfefferkörner, Zitronensaft, Honig, Rum). Nach diesem Tag und mit diesem Abschluss sollte die Nachtruhe kein Problem darstellen.
Die Struktur des Dhulikhel Hospital, Kathmandu University Hospital:
- Community Hospital
- Gründung 1996 durch Ram Shrestha
- Chef der Klinik Ram Shrestha (Allgemeinchirurgie)
- daneben vertreten sind fast alle medizinischen Fachdisziplinen, jede Abteilung hat ihren eigenen Leiter
Finanzierung des Hospitals durch drei Säulen:
- Studiengebühren der Medizinstudenten
- Beiträge der Patienten (die ambulanten Patienten zahlen einen geringen Grundtarif, die stationären Patienten einen sehr geringen Tagessatz, dazu kommen die erforderlichen Untersuchungen, Operationen, Implantate usw., eigentliche Privat-Patienten gibt es nicht)
- Spenden
- Die Gehälter aller Mitarbeiter, auch der leitenden Ärzte werden aus den Gesamteinnahmen bezahlt, ein möglicher Überschuss wird reinvestiert.
- Es gibt keinen anderen staatlichen oder privaten Krankenhausträger!
Ausstattung des Operationstraktes:
- nicht zu vergleichen mit einem OP in Deutschland, aber:
- 6 OP-Säle, alle mit der notwendigen Technik ausgestattet
- gutes Instrumentarium für alle operierenden Fachabteilungen
- man erkennt sofort, dass die Einrichtung sich aus zahlreichen Spenden zusammensetzt (unterschiedliches Mobiliar, Geräte aus den verschiedensten Ländern)
- drei Röntgen-Bildverstärker, davon einer der modernsten Bauart
- OP-Mikroskop
- hoher Anspruch auf Sauberkeit, es wird ständig geputz
- großer Personalbestand (niedrige Personalkosten)

09.11.2019
Heute habe ich in der nahezu absoluten Ruhe (400m über Dhulikhel) erstmalig „verschlafen“. Gegen 09:00h Frühstück auf der Terrasse mit phantastischem Blick auf den Himalaya, leider noch etwas im Dunst.
Abgeholt von einem Fahrzeug des Hospitals kamen wir um 11:30h pünktlich zum Meeting des RC of Dhulikhel, wurden sehr freundlich von den präsenten Mitgliedern empfangen und bekamen vom Präsidenten jeder einen Nepal-Schal überreicht.
District 3292 Nepal-Butan RC of Dhulikhel 40 Mitglieder (die leitende Schwester der Intensiv-Station des Dhulikhel Hospital ist Mitglied des RC of Dhulikhel!!). Allein im RC of Dhulikhel werden z. Zt. 10 Global Grants betreut!!
Die Protokollarien waren uns vertraut, man fühlte sich bei Rotary „zu Hause“. Es war ein reines Meeting ohne Essen. Heiner Winker präsentierte in einem Kurzvortrag sein Global Grant Projekt, um den RC of Dhulikhel als Host Club für dieses Projekt zu gewinnen:
Die neue Wäscherei für das Dhulikhel Hospital.
- Gründung der ersten noch existierenden Wäscherei 1996
- täglicher Wäscheanfall 800-1000kg
- Tageskapazität der Wäscherei 600kg
- die Differenz muss extern gewaschen werden und kostet dem Hospital sehr viel Geld
- die neue Wäscherei soll mit ausreichend Waschmaschinen, Tumblern und einer Bügelmaschine ausgestattet werden und ein „Outsurcing“ vermeiden.
- das Ziel ist ein Global Grant in Höhe von € 100.000
- die Eröffnung ist geplant für November 2020
Mit dem Krankenhaus-Wagen wurden wir dann wieder zu unserer Wochenendbleibe auf einem Berg über Dhulikhel gebracht und konnten hier einen sehr ruhigen Nachmittag mit Nachdenken, Blogschreiben und Lesen verbringen. Nach einem warmen Nachmittag wurde es rasch kühl und wir verzogen uns in die sehr gemütlichen Innenräume. Nach einem erneuten sehr schmackhaften vegetarischen Essen war eine abschließende Lesestunde unter einer warmen Bettdecke angesagt.
10.11.2019
Wieder strahlendes Wetter! Frühstück mit bester Sicht auf den Himalaya.

Nach dem Frühstück Aufbruch ins Tal. Über das Buddhistische Kloster „Namo Buddha“, finanziert von Taiwanesen als eine Art Bollwerk gegen Rotchina,

durch wunderschöne kleine Waldabschnitte, Terrassen-Plantagen, bergab und bergauf und über eine Hängebrücke letztlich Ankunft am Nachmittag in einem ganz kleinen Dorf.
Der Fußweg nach Dhulikhel war zu weit, ein Bus fuhr hier nicht, aber wir trafen auf einen uralten LKW, der gerade entladen wurde (lange Moniereisen und Zementsäcke). Man war bereit uns mitzunehmen, die Wartezeit wurde überbrückt in einer nepalesischen Familie, wo wir eine Tasse Tee und Bisquits angeboten bekamen, eine Bezahlung lehnte man strikt ab! Es war eine wunderbare Unterbrechung unserer Tour, wir kamen mit der Familie ins Gespräch und konnten vom Balkon des Hauses das landwirtschaftliche Leben beobachten. Mit Beginn der Dämmerung war der LKW abfahrbereit, Ursel Winker in der Fahrerkabine, Heiner Winker und ich stehend auf der Ladefläche. Die Straße war abenteuerlich, wir mussten uns an der Reling des LKW festhalten und breitbeinig stehen, im Sitzen wäre die Fahrt nicht möglich gewesen! Nach 45-minütiger Fahrt, im wahrsten Sinn des Wortes über Stock und Stein, gelangten wir in eine größere Stadt vor Dhulikhel, der freundliche LKW-Fahrer hatte uns weit über sein eigentliches Ziel hinaus gefahren und wurde entsprechend belohnt!

Wir wurden hier von einem Wagen des Hospitals abgeholt und vor unserem Hotel abgesetzt. Es war ein wunderschöner Tag, wir hatten viel erlebt. Nach einem kurzen Abendessen sanken wir todmüde in unsere Betten.
11.11.2019
Der Montag startete 07:15h mit einem Frühstück auf der Hotel-Terrasse, bei erneut strahlendem Sonnenschein und Blick auf den Langtang (3455m), einen vom Hotel aus bei klarem Wetter gut zu sehenden Gipfel des Himalaya.
Im Hospital zunächst Frühbesprechung, Rapport aller Abteilungen, Berichte über das Wochenende. Im Anschluss interne Besprechung der Traumatologie, über das Wochenende hatten sich einige Unfälle ereignet: Schenkelhals-Mehrfragment-Fraktur in Kombination mit Fersenbein-Fraktur, Speichenschaft-Fraktur, Sprunggelenksfraktur, Beckenschaufel-Fraktur mit subkutaner Hautablederung.


Die Stationsvisite demonstrierte uns dann die zuvor per Röntgenbild besprochenen Patienten. OP-Indikationen wurden besprochen und für die nächsten Tage terminiert. Der in der letzten Woche besprochene kleine Patient mit einer nekrotisierenden Fasziitis hat als Restzustand ein freiliegendes Fersenbein und einen Abriss der Achillessehne mit einem Haut-Weichteil-Defekt über ca. 10x5cm Fläche. Sicher würde dieser Defekt konservativ im Laufe der nächsten Wochen sekundär verheilen, allerdings mit einem erheblichen funktionellen Defizit. Diskutiert wurde die Defektdeckung mit einem gestielten Haut-Weichteil-Lappen vom rechten Bein. Ein 2-jähriger Junge kam mit seinem linken Daumen in eine Motorradkette und zog sich dabei eine Endgliedverletzung des Daumens mit Nagel-Weichteil-Defekt zu, der Endgliedknochen war radiologisch unversehrt, das Nagelbett wahrscheinlich intakt. Als Lösung schlug ich einen Okklusiv-Verband mit Verbandwechseln alle 4-5 Tage vor, dazu muss die Familie eine 5-stündige Anreise im Bus in Kauf nehmen! Ein weiteres Problem: 19-jährige Kunststudentin, seit dem 6. Lebensjahr bekannte Sklerodermie überwiegend mit Befall der Finger und der der Zehen. Zunehmende Verstümmelung im Bereich der Endglieder vor allem der Zehen. Wie heute üblich ist die Patientin unter Nutzung des Internets sehr gut informiert und verspricht sich Hilfe durch unsere Kontakte nach Deutschland. Ich habe die Krankengeschichte und den photographierten Befund an meinen Freund Prof. Dr. H.H. Peter in Freiburg übermittelt, um mich bzgl. der möglichen Therapie mit ihm abzustimmen.
Der OP-Tag war heute für die Traumatologen nicht sehr geschäftig: Eine Radiusschaftfraktur, eine Verletzung der Arteria radialis, die von einem Gefäßchirurgen versorgt wurde.
Als Alternativprogramm machten wir einen Besuch in der Notfall-Ambulanz (Emergency), hier lagen in mehreren Betten nebeneinander etwa 10 Patienten, die mit komplettem Monitoring versorgt auf ihre weitere Abklärung und Verlegung auf die entsprechende Station oder in den OP warteten. An einer Wand der Notfall-Ambulanz ein vom hiesigen Notfall-Team entwickelter Triage-Plan für den Fall gleichzeitig eintreffender Verletzter (Triage: Sortierung mehrerer Verletzter nach Schweregrad, Wahrscheinlichkeit des Therapieerfolges und Möglichkeiten der Versorgung).

Problempunkte des Hospitals:
- Lagerung von Medikamenten, Geräten und Verbandmaterial: hier wären Verbesserungen möglich und aus meiner Sicht wünschenswert. Es gäbe genügend Platz und Stellflächen, um für eine korrekte Lagerung Regale zu platzieren.

- Personalbekleidung auf der Station: Oberärzte und Assistenten und auch die Gastärzte aus Deutschland tragen Straßenkleidung (Sweat-Shirts, Lederjacken, Jeans, …), die Schwestern und die Physiotherapeuten weiße und blaue Dienstkleidung. Hier besteht aus meiner Sicht dringender Handlungsbedarf! Notwendig wäre für das gesamte Stationspersonal eine standardisierte Kleidung mit weißen Hosen und Oberteilen (evtl. verschiedene Farben), die den Unterarm ab Ellbogen freilassen und so eine gute und für Personal und Patienten überprüfbare Hautdesinfektion zulassen.
- Zeitmanagement: Wartezeiten zwischen Besprechungen und Visiten vergeuden zu viel Zeit, trotz großem Personalaufgebot sowohl bei Ärzten als auch Pflegekräften (niedrige Personalkosten) sind die Wartezeiten der Patienten im ambulanten Bereich zu lang. Hier wäre eine bessere Zeitplanung sinnvoll.
Den Nachmittag verbrachte ich bei untergehender Sonne im Garten der Lodge, erledigte Schriftkram und ging meinen Gedanken nach. Derzeit hatte Ursel Winker ein langes Gespräch mit einer der leitenden Hygiene-Schwestern, die Schwester tendiert zu einer Ausbildung zur OTA und erkundigte sich nach Möglichkeiten diese Ausbildung in Deutschland zu machen. Später gesellte sich Ram Shrestha, der Chef des Hospitals und gleichzeitig auch der Universität Dhulikhel zu uns, kaum zu glauben, was dieser Mann für sein Land und seine Stadt geleistet hat und leistet!
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Heiner Winker und ich waren ja zwei Tage in der Stadt Janakpur, Provinz 2 (sehr arm!) und können nun etwas die Situation bzgl. der Krankenversorgung in Janakpur und in Dhulikhel vergleichen. Immer wieder hört man von Nepali, die in anderen Provinzen leben und arbeiten: „Immer nur dieses Dhulikhel!“ Sicher, Dhulikhel ist ein Vorzeige-Projekt, aber sollte beispielgebend für andere Provinzen des Landes sein auch dort ähnliche Modelle aufzubauen. Es macht aus unserer Sicht wenig Sinn, nach dem Gießkannenprinzip Gelder und Spenden auszuschütten. Das Projekt Dhulikhel wurde 1996 von Ram Shrestha gegründet und in den Folgejahren ganz gezielt unter seiner Führung und mit einer unglaublichen Unterstützung aus der ganzen Welt, dem GRVD (German Rotary Volunteer Doctors) und der Namasté-Stiftung aufgebaut.
Am späten Nachmittag erneut eine wunderschöne Beleuchtung der Himalaya-Kette.

12.11.2019
Heute Morgen war es verhangen und deutlich kühler im Vergleich zu den vergangenen Tagen.
Nach der Frühbesprechung und einem Vortrag einer niederländischen Arztgruppe zum Thema allgemeine Weiterbildung von Ärzten folgte ein weiterer Tag im OP. Heiner Winker operierte eine offene Beckenschaufelfraktur, verursacht bei einem Arbeitsunfall durch einen schweren, auf das Becken aufschlagenden Gegenstand.

Als zweiter größerer Eingriff am Mittag eine Mehrfragmentfraktur des körpernahen Oberarmes mit Gelenkbeteiligung, diese OP wurde durchgeführt von einem Oberarzt der Unfallchirurgie und zwei Assistenten.
Finanzierung der Operationen:
- In der Regel zahlt der Patient selber, manchmal verzichten Patienten also auch auf Operationen, weil einfach das Geld fehlt!
- Implantate müssen bezahlt werden, nur gespendete Implantate müssen nicht bezahlt werden. Die Spendenbereitschaft der einschlägigen Firmen ist groß.
- Dazu gibt es einen Charity-Fond, aus diesem Fonds werden die Behandlungen bezahlt, wenn dringende medizinische Notwendigkeit besteht und die Patienten nicht in der Lage sind zu bezahlen. Der Charity-Fonds wird zum Beispiel gefüllt mit Geldern, die durch Haar-Transplantationen erwirtschaftet werden, offensichtlich eine OP, die in Nepal sehr in Mode ist.
Gastärzte:
- Im Rahmen jeder Frühbesprechung melden sich neu angekommene Gastärzte zu Wort. Sie kommen aus der ganzen Welt und unterstützen in ihren jeweiligen Fachgebieten das gesamte Hospital.
- Ein Allgemeinmediziner, der mit seiner Frau (Dermatologin) aus Bayern schon zum wiederholten Male hier tätig ist, hat z. B. ein Lehr-Video zum Thema Händewaschen im Hospital gedreht und macht damit Unterricht bei den Schwestern.
Organisation im OP (und im Hospital):
- Wie schon erwähnt, hier könnte man vieles verbessern. Die Einsicht ist da, das Problem besteht darin, die Kontinuität zu wahren.
Bekleidung im Hospital:
- OP: OP-Kleidung gibt es, die verschiedenen Größen liegen ungeordnet in einem Regal, die Sucherei nach einer passenden Größe verbessert die Ordnung nicht!
- Station: es gibt hier offensichtlich keine Kleiderordnung. Hier besteht dringender Handlungsbedarf (s.o.)!!
Handchirurgie:
- Diagnose: Enchondrom (gutartiger Knochen-Tumor) des Mittelfinger-Grundgliedes mit Spontanfraktur. Im Röntgenbild sehr gute Stellung der Fraktur. Geplant war eine Kirchner-Draht-Osteosynthese. Mein Rat: Ruhigstellung, Röntgen-Kontrolle nach 4 Wochen und nach 8 Wochen, dann ggf. Planung der Tumorentfernung und der Defektauffüllung mit Spongiosa (Knochenmark) von der Speiche. Die geplante OP wurde abgesetzt.
Ursel Winker hatte am 11.11.2019 in der Küche des Hotels zwei Kuchen gebacken für die ihr bekannten Schwestern des Hospitals, die Begeisterung war groß. Wie man sieht, wird auch in Nepal im Krankenhaus gerne gemeinsam Kuchen gegessen!

Abends trafen wir uns mit einem jungen Ehepaar aus Kathmandu zum Essen, die Frau Augenärztin am Dhulikhel-Hospital, der Mann in der Ausbildung zum Neurochirurgen in Kathmandu und mit längeren Gastaufenthalten in Erfurt. Seine Facharztanerkennung wird er im Herbst 2020 bekommen und dann die Leitung der Neurochirurgie in Dhulikhel übernehmen. Mitgebracht hatten die beiden ihre 2 Jahre alte Tochter, die trotz vorgerückter Stunde weder sich noch uns aus der Ruhe brachte, wir konnten den gemeinsamen Abend genießen.
13.11.2019
Heute morgen war es zwar kühl, aber man konnte mit Pullover auf der Terrasse frühstücken. Heiner Winker hatte sich einen starken Husten eingefangen (wohl bei unserem Trip auf der LKW-Ladefläche) und schlief heute etwas länger.
Nach der Frühbesprechung trafen wir uns beim Traumatologen-Meeting zur Besprechung des OP-Programms. Frisch eingeliefert wurde am frühen Morgen ein junger Mann mit einer Motorradkettenverletzung der linken Hand mit Beteiligung der Finger II-III-IV. Im Endglied- Endgelenkbereich war es zur Amputation gekommen, an D II und D III mit Verlust des Endgliedknochens, an D IV mit Erhalt der Nagelwurzel, Teilverlust des Endgliedes und freiliegender Endgliedbasis. Mein Rat: Sparsame Kürzung der Köpfchen der Mittelglieder D II und D III sowie des Endgliedes D IV, Laschendrainage und spannungsfreier Wundverschluss mit Haut-Weichteil-Lappen von beugeseitig.
Das traumatologische OP-Programm lief heute auch ohne uns, eine Besichtigungstour durch das Klinikgelände war angesagt.
Bis auf die Neurochirurgie (Eröffnung Ende 2020 geplant) sind eigentlich alle medizinischen Fachgebiete vertreten. Beispielhaft seien hervorgehoben:
Mutter-Kind-Zentrum: Schwangere können hier an einem freiwilligen Untersuchungs- und Trainingsprogramm teilnehmen, die Entbindung ist dann kostenlos. Im Rahmen dieses Programmes wird neben der gesundheitlichen Vorsorge eine Schulung der Mütter durchgeführt (Gesundheitslehre,Versorgung der Kinder, Verhütung, …).
Einige Meter weiter befindet sich die Kinderklinik, beginnend mit der Neugeborenen-Abteilung bis ins Jugendalter.
Eine große Zahn- und Kieferklinik wurde zum größten Teil von einer Sponsorin aus Regensburg finanziert und lässt eigentlich keine Wünsche offen.
Das Klinikum liegt an einem Hang, die einzelnen Kliniken sind über viele Treppen miteinander verbunden. Am Fuße des Berges liegen Fortbildungseinrichtungen für Medizinstudenten und Pflegepersonal, eine sehr gut eingerichtete Bibliothek,
ein Hörsaalgebäude, eine Mensa und die Wohnräume für die Studenten. Ein Nachteil, die Studiengebühren sind sehr hoch, über diese Gebühren erfolgt ein Teil der Klinikums-Finanzierung (s.o.).
In der Bibliothek und in der Zahnklinik findet man zahlreiche Risse in den Wänden, die an das schwere Erdbeben aus dem Jahr 2015 erinnern. Damals waren alle freien Plätze auf dem Klinikumsgelände belegt mit Verletzten, die auf eine Versorgung warteten oder die im Freien erfolgte. Insgesamt wurde Dhulikhel aber durch das Erdbeben offensichtlich nicht allzu schwer getroffen.

Im Tal liegt auch das Gelände, auf dem der Neubau der Klinikwäscherei geplant ist, die Grundsteinlegung erfolgte vor einigen Wochen, die Eröffnung ist geplant für November 2020. Das Gebäude wird finanziert von der Namasté-Stiftung, die Waschmaschinen durch den Rotary Club (Global Grant, s.o.).

Heute machte ich den zweiten Versuch eine SIM-Card für mein Handy zu bekommen. Hiermit hätte man den Vorteil mit nepalesischer Telephon-Nummer im Lande billig telephonieren zu können und durch das Krankenhaus besser erreichbar zu sein. Leider scheiterte der Versuch, mir fehlte ein Pass-Photo, welches ich natürlich zu Hause vergessen hatte.
Am Nachmittag machte ich zunächst einen kleinen Spaziergang durch das Zentrum von Dhulikhel und wurde hierbei erinnert an unsere Erlebnisse aus dem Jahr 2014. In der Altstadt erkennt man viele nach dem Erdbeben reparierte Häuser, aber auch einige, die offensichtlich verlassen und bisher nicht wiederhergestellt wurden.
Der Nepalesische Straßenverkehr:
- Man fährt auf der linken Seite (Folge der britischen Kolonialherrschaft)
- Führerscheine erhält man offensichtlich auf Antrag und gegen Bezahlung, aber ohne vorgeschriebene Fahrstunden
- Bis ins Alter von 40 Jahren ist in Nepal die Haupttodesursache der Verkehrsunfall (60%)
- Kein Wunder, wenn man sieht, wie gefahren wird. PKW und LKW überholen Zweiräder und Fußgänger extrem knapp, man wundert sich, dass nicht noch mehr passiert!
- Der Nepali fährt mit sehr viel „Intuition“
- Die „Verständigung“ im Straßenverkehr erfolgt mittels Hupe oder Horn, und das funktioniert offensichtlich! An einigen Bussen und LKW sieht man eine Aufschrift: „Bitte hupen oder hornen!“
Die Hände der Nepalesen:
- Seitdem ich in Nepal bin, habe ich noch keinen Arbeiter mit Handschuhen gesehen!
- Egal, welches Handwerk man beobachtet, Handschuhe fehlen.
- Berufsgenossenschaften wären hier gefragt!
Zum Abendessen waren eingeladen die leitende OP-Schwester Sulekha und ihr Mann Sanou, leitender Arzt der Notfall-Aufnahme.
14.11.2019
Am Vormittag hatten wir in der Notfall-Aufnahme einen Termin mit einem leitenden Mitarbeiter des Pflegeteams und seiner Familie. Der Grund war der Sohn, 13-jährig, den Heiner Winker für einen einjährigen Rotary-Schüleraustausch nach Erfurt vorschlagen wollte. Eine sehr nette Familie und ein ganz lieber Junge. Der Austausch muss über längere Zeit vorbereitet werden, Sinn macht es erst im Alter von 16 Jahren, also genügend Zeit deutsch zu lernen, um dann den regulären Schulbesuch zu erlauben. Während unseres „Interviews“ taute der Junge zunehmend auf. Ein Handy oder ein Smart-Phone habe er nicht, nach Computerspielen befragt gab er an sehr gerne Schach zu spielen.

Heiner Winker überreichte einem der Leiter der Notfall-Ambulanz (Dr. Sanu) in diesem Zusammenhang die Spende einer Bürgerin aus Erfurt (€ 100). Auf Wunsch des Arztes sollte dieser Betrag in einen Drucker für die Ambulanz investiert werden, es fehlten aber weitere € 100. Der fehlende Betrag wurde am gleichen Vormittag aufgetrieben.
Vor der Notfallaufnahme ein kleines Mädchen mit einer Verbrennung 1-2° am rechten Unterarm.

Mittags hatten wir einen Termin beim Klinikdirektor und Vizekanzler der Universität Kathmandu (Dr. Ram Shrestha). Heiner und Ursula Winker hatten einige Punkte aus ihrem Programm zu besprechen (Schwesternausbildung, Hygienefragen in der Personalküche, OP-Bekleidung, …). Dr. Ram Shrestha versprach sich zügig zu kümmern.
Ganz beiläufig kam das Gespräch auf einen nepalesischen Musiker, der kurz vor uns ein Gespräch mit dem Vizekanzler hatte. Dieser Musiker wurde im Osten Nepals auf dem Land geboren, erlebte dort ursprüngliche nepalesische Musik. Zur Weiterbildung schickten ihn die Eltern auf ein Internat, von dort ging der Weg weiter, entgegen dem Wunsch seiner Eltern Medizin zu studieren widmete er sich der Musik. Sein Studium absolvierte er bei Prof. Dr. Gert-Matthias Wegner (vergleichende Musikwissenschaft und Ethnomusik FU Berlin und Universität Kathmandu). Inzwischen ist Prof. Dr. Lochan Rijal weltbekannter Musiker, gibt Konzerte für seine Form der nepalesischen Musik und lehrt an den Universitäten von Kathmandu und Michigan/USA. Dieser Musiker wurde uns nebst seinem gerade anwesenden Lehrer (Wegner) von Ram Shrestha vorgestellt und wir erfuhren, dass er in Kathmandu einen beim Erdbeben 2015 schwerst beschädigten Hindu-Tempel mit umgebenden „Wirtschaftsgebäuden“ restauriert. Der Tempel soll weiterhin von den Hindus genutzt werden und wird gleichzeitig eine Musikhochschule beherbergen, deren Leiter er ist. Auch dieses Unternehmen wird von Ram Shrestha im Rahmen der Universitäts-Arbeit unterstützt, Spendengelder aus Nepal und Thailand wurden eingeworben, der Musiker tat das seine und trug nicht unerhebliche Beträge mit seinen Konzerten (unter anderem bei CERN in Genf) bei. Das Projekt wird von CERN und der Universität von Michigan wissenschaftlich unterstützt. Ein weiteres Beispiel für den uneigennützigen Einsatz von Ram Shrestha! Als wir unser Interesse bekundeten, wurden wir seitens des Musikers eingeladen, ihn am späten Nachmittag in Kathmandu zu besuchen. Ein Auto wurde von der Universität zur Verfügung gestellt.
In Kathmandu wurden wir von Lochan Rijal durch den gesamten Tempelbereich geführt, zahlreiche, meist junge Frauen und Männer sitzen in einer Art „Münster-Bauhütte“ und schnitzen aus nepalesischen Hölzern die beim Erdbeben verlustig gegangenen Holzelemente. Das mit Blattgold verzierte Dach des Tempels ist fertig, in 1-2 Jahren soll die ganze Anlage stehen. Neben der Ausbildung junger Musiker sind dann Konzerte geplant, die Hindus freuen sich, dass der Tempel restauriert und weiter genutzt werden kann. Der Musiker und „Bauherr“ hat auf dem Tempelgelände in der Bauhütte ein Arbeits- und Schlafzimmer, er hält sich während der Bauphase überwiegend in seiner Wellblechhütte auf und hat diese durchaus wohnlich gestaltet. Sicher wird dieses Objekt auch ein Touristenmagnet für Kathmandu und Nepal sein!

Inzwischen war es dunkel geworden, bei einer Tasse Tee bekamen wir noch einen kurzen Vortrag über den Tempel vor, kurz nach dem Erdbeben, jetzt und die weiteren Bauabschnitte.

Der Straßenverkehr war noch immer sehr stark, aber wir erreichten Dhulikhel pünktlich zum Abendessen.
Sozialprogramm des Dhukikhel-Hospital:
- Es gibt in Nepal keine Krankenversicherung! Für die Mitarbeiter und deren engste Angehörige übernimmt das Krankenhaus die Krankenversicherung
- Die Bezahlung der Mitarbeiter ist nach Angabe von Mitarbeitern besser als in anderen staatlichen oder privaten Krankenhäusern
- Der Gründer und „Chef“ des Krankenhauses (Ram Shrestha) bekommt von der Namasté-Stiftung eine monatliche Vergütung von € 1000.
15.11.2019
Heute klingelte der Wecker ausnahmsweise um 05:30h. Geplant war ein „Ausflug“ zu einer Außenstelle (outreach) des Hospitals in Dhading, Chartere Deurali, westlich von Kathmandu. Pünktlich um 07:00h sollte ich am Haupteingang des Krankenhauses eintreffen, von dort würde es mit einem Landrover losgehen, ich war gespannt auf diesen Tag! Ich war pünktlich und konnte miterleben, wie die Mitarbeiter in das Krankenhaus strömten, zu Fuß, per Motorrad/Vespa, mit dem Personalbus, ähnliches erlebt man ja auch bei uns vor dem Haupteingang großer Kliniken.
Mit 1/2-stündiger Verspätung kamen dann auch zunächst der begleitende Assistent der Orthopädie/Unfallchirurgie und wenig später der erwartete Landrover. In Kathmandu wurde der Wagen gewechselt (besseres Modell) und die medizinischen Güter für die Außenstation wurden umgeladen. Gleichzeitig stiegen zwei weitere Assistenten zu, sodass wir nun einschließlich Fahrer zu fünft unterwegs waren. 4/5 der Strecke waren geteerte Straße, 1/5 Stein-Sandpiste mit erheblichen Erschütterungen, der 4WD bewährte sich! Allerdings vertrug einer der Assistenten die Fahrt nicht und benötigte mehrfach eine Plastiktüte.
Um 09:40h erreichten wir nach 2-stündiger Fahrt die Außenstation. Insgesamt hat das Dhulikhel-Hospital 23 derartige Außenstationen, die mehr oder weniger gut ausgestattet sind. Die Station von Dhading besteht aus einem stabilen Gebäude, welches Anfang des neuen Jahrhunderts gebaut wurde und dem Erdbeben 2015 widerstehen konnte.
Der Bestand:
- 1 Untersuchungszimmer mit Ultraschall und der Möglichkeit für kleinere Eingriffe, z. B. Wundversorgungen
- 1 „Stationszimmer“ mit 5 alten Klinikbetten
- 1 Anmeldung mit Apotheke
- 1 „OP-Raum“ mit zwei „OP-Tischen“
- 1 Laborraum, sicher nur eingeschränkt funktionsfähig
- 1 ständig vor Ort befindlicher Arzt („Medical officer“, € 600 pro Monat)
- Im ersten Stock ein großer Raum für die Mitarbeiter zum Essen, ein Schlafraum für den dort stationierten Arzt, eine Küche und ein Schlafraum für die Köchin.
- Auf dem Dach ausreichend Möglichkeit Wäsche aufzuhängen
- Hinter dem Haus ein Gemüsegarten
Der Tagesablauf:
- Nach unserem Eintreffen zunächst Ausräumen des Landrovers, die Pakete kamen in die Apotheke, wurden dort ausgepackt und in Regale einsortiert und im Computer gelistet.
- Bei unserer Ankunft war schon ein kleiner Patient da, kurz nach Schulbeginn hatte er sich eine kleine Kopfplatzwunde zugezogen. Der Vorschlag des Medical Officer: Steri-Strip, mein Rat: Versorgung mit einer Naht, da das Pflaster ja nach einigen Stunden nicht mehr seinen Zweck erfüllen würde.
- Verstauchung Sprunggelenk, Röntgen nicht möglich: elastische Bandagierung
- Schwere Stomatitis aphthosa: Mundsalbe mit Lokalanästhetikum und Antibiotikum
- Zwei Arbeiter aus der nahegelegenen Ziegelei (Indische Gastarbeiter) mit grippeähnlichen Symptomen: Antibiotika
- Zwischendurch ein Glas Tee mit Gebäck im ersten Stock
- Gartenbesuch
- Mittagessen im ersten Stock: sehr gutes Dalbhat!
- Ein weiterer Patient mit einer Tonsillitis: Antibiotikum, Mundspülung
- Nachmittags gekühlte Coca Cola
- 14:02h Abfahrt zurück nach Dhulikhel
- Fazit: 1 Medical Officer, 2 Assistenten, 1 Gastarzt (Volunteer), 1 Schwester vor Ort, 1 Assistent der Schwester und 1 Fahrer waren von 09:40h bis 14:00h damit beschäftigt, sich um neu eingetroffene Ware und um 6 Patienten zu kümmern!
- Des Rätsels Lösung: Man hatte vergessen, den Besuch der Ärztegruppe in der Region anzukündigen.
Die Rückfahrt war problemlos, auch dieser Fahrer fuhr sehr vorsichtig, bei regem Feierabendverkehr erreichten wir gegen 16:00h Dhulikhel.
Straßenverkehr in Nepal:
Es gibt Unmengen von Motorrädern und Vespas, der Fahrer ist verpflichtet einen Helm zu tragen, der Beifahrer nicht. Entsprechend verhält man sich! Mit der Zeit gewöhnt man sich an das „Durcheinander“. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen werden in der Regel eingehalten, man fährt vorsichtig.
Schulunterricht:
Auch in den entlegensten Gebieten gibt es Schulen. Alle Kinder tragen eine Schuluniform, mal in Form eines einheitlichen Trainingsanzugs, mal mit Anzug und Rock.
Tiere in der Stadt und im Straßenverkehr:
Im Süden von Nepal findet man sehr viele Kühe im Straßenverkehr (Nähe zu Indien!), herumlaufend und herumliegend. In ganz Nepal gibt es Unmengen von Hunden. Sie bewegen sich vollkommen frei zwischen Autos und Zweiradfahrzeugen, die Fahrer achten auf die Tiere. Gemessen an der Zahl der Hunde trifft man auf wenige überfahrene Tiere. Daneben gibt es sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, Hühner und Ziegen.
Staub und Smog:
Schlimm war der Smog in Delhi (s.o.), aber auch in und um Kathmandu ist es nicht so richtig klar, und beim Durchfahren von Kathmandu macht sich Hustenreiz bemerkbar. Nach wie vor muss man unterstützen, dass hinsichtlich Umweltverschmutzung alles getan wird, was man sinnvoller Weise tun kann. Wenn man aber erlebt, was sich hier abspielt und wie die Umwelt sich darstellt, kommen bei mir erhebliche Zweifel auf, dass z.B. „dieselfreie“ Bereiche in Deutschland unser Problem lösen werden. Ob unser Vorbild ausreicht andere Staaten zu motivieren? Trotz allem kein Grund sich nicht weiter zu bemühen.
16.11.2019
Ursel und Heiner Winker traten heute ihre Rückreise an, zwei schöne, gemeinsame Wochen sollten mit einem weiteren Höhepunkt zu Ende gehen.
Zunächst besuchten wir das Frühstücksmeeting des RC Himalaya Patan in Kathmandu, Club No. 63381, Charter Date 17th September 2003. Auch hier wurden wir freundlichst aufgenommen. Der derzeitige Präsident präsentierte uns die Aktivitäten seines Clubs:
- RC School Bags, „My School Bag“ (kleine Ranzen von Klasse 1-6, größere Ranzen von Klasse 7- …), sehr gutes Projekt!
- Gesundheitserziehung, Eheberatung, Sexualhygiene
- Erdbebennachsorge
- Herzzentrum Kathmandu
- Seniorenbetreuung
Heiner, Ursel und ich bekamen während des Meetings je einen Rotary-Wimpel und den hier üblichen Schal überreicht, wie üblich klickten die Smart-Phones.

Nach dem Meeting wurden wir vom „Klangschalenmeister“ Santa Shakyazu (Clubmitglied), zu seiner Arbeitsstätte geleitet, der Meister auf einem Moped, wir im Auto hinterher. Nach wenigen Minuten erreichten wir die von außen unspektakuläre Werkstatt, aber das Innenleben! Santa Shakyazu ist nicht nur Hersteller der Klangschalen, sondern auch Klangschalen-Therapeut. Ursel Winker hatte zu Beginn ihres jetzigen Nepal-Aufenthaltes die Gelegenheit bei ihm einen Privat-Kurs zu belegen. Klangschalen gibt es seit 400-500 Jahren, Santa Shakyazu hat die Technik von seinem Großvater und Vater übernommen, die 18-jährige Tochter wird gerade angelernt. Die Klangschalen haben eine spezielle Legierung, das früher verwendete Quecksilber wurde durch andere Metalle ersetzt. Neben den „normalen“ Klangschalen gibt es ganz besondere, die nur in klaren Vollmondnächten gegossen und bearbeitet werden. Ich fühlte mich an das Klangholz aus dem Schwarzwald (Geigenproduktion) erinnert. Wir bekamen die Herstellung der Klangschale in einer Privatführung von 6 Mitarbeitern im Detail vorgeführt, es war spannend! ARTE war vor einigen Wochen hier, der Film dürfte in den nächsten Tagen gezeigt werden.
Danach war es soweit, wir fuhren zum Flughafen und nahmen Abschied, Ursel und Heiner Winker verschwanden zwischen den Menschenmassen am International Airport, ich wurde von einem Fahrer des Krankenhauses zurück nach Dhulikhel gefahren.
Auf der Terrasse der Lodge klang der Nachmittag aus mit einem Capuccino und einer Coca Cola. Kaum saß ich, erschien Ram Shrestha, in seiner Begleitung der Chef der Kardiologie und gleichzeitig Dekan der medizinischen Fakultät. Am Tag zuvor hatte ich der österreichischen Frau von Ram Shrestha über gute Verbindungen zu zwei Herzkatheter-Spezialisten (Kambis Mashayekhi und Achim Büttner) berichtet, schon zeigte man großes Interesse, mal sehen, ob sich hier eine Zusammenarbeit anbahnen lässt.
Zum Abendessen saßen einige deutsche Ärzte, die schon seit Jahren nach Dhulikhel reisen, zusammen und berichteten von ihren Erlebnissen in und um Dhulikhel.
17.11.2019
Sonntag, aber es wird gearbeitet in Nepal! Nur der Samstag ist ein Feiertag.
Nach der dünn besetzten Frühbesprechung (offensichtlich gibt es für manche doch einen Sonntag?) die orthopädisch-chirurgische Fall-Konferenz. Es hatte reichlich Neuzugänge gegeben!
- Fraktur des 1. Lendenwirbelkörpers, Sturz von einer Mauer, vorgesehen zur OP (für die operative Versorgung von Wirbelfrakturen zahlt der Staat einen Zuschuss, dieser muss aber erst beantragt werden, OP daher erst nach ca. einer Woche)
- Massive Ablederung Unterarm-Oberarm links, gleichzeitige Radiusfraktur, vom Auto überfahren worden, Notfallversorgung in der Nacht, Versorgung der Radiusfraktur nach Wundheilung
- Schenkelhalsfraktur, Motorradunfall, Drahtextension („Streckverband“), vorgesehen zur OP
- Oberschenkelschaft-Fraktur, Motorradunfall, vorgesehen zur OP
- Speichenbruch, körperfern mit Beteiligung der Wachstumsfuge, Typ Aitken I, erheblich disloziert, OP vorgesehen, Diskussion über das operative Vorgehen
- Perforationsverletzung linker Unterschenkel durch Maschinenteile, „nur“ Weichteilverletzung, keine Knochen- oder Nervenbeteiligung
- Unterarmfraktur mit erheblicher Dislokation, Motorradunfall, sofortige Versorgung mit Plattenosteosynthese
- Wirbelsäulen-Tbc, vorgesehen zur Stabilisierung mit Fixateur interne (Tuberkulose in Nepal ein häufiges Krankheitsbild!)
Die Fallbesprechung ist immer gut vorbereitet, sämtliche Röntgenbilder und Aufnahmen von Weichteilverletzungen liegen auf Smartphone, bzw. Laptop vor und werden an die Wand projiziert.
Danach die Stationsvisite, auch heute wieder überraschend, wie hoch der Turnover der Patienten ist.
Thromboseprophylaxe nach Unfall oder nach Operation: scheint hier nicht üblich zu sein, nur bei beckennahen Frakturen oder Beckenfrakturen. Nach Aussage des Oberarztes sind Thrombosen wohl sehr selten!?
Danach Zuschauen bei der operativen Versorgung einer Lendenwirbel-Fraktur mit Fixateur interne. Das komplette dafür notwendige Instrumentarium ist vorhanden, Operateur und instrumentierende Schwestern schienen sich gut auszukennen. Insgesamt sind die OP-Ergebnisse am Dhulikhel-Hospital sehr gut! Man wird hier nicht unbedingt für Operationen gebraucht, aber bei der OP-Planung sehr gerne in die Entscheidung einbezogen. Leider ist die Fluktuation beim Pflegepersonal sehr groß, es ist daher nicht immer selbstverständlich, dass eine erfahrene OP-Schwester am Tisch steht. Wie immer wurde ich nach einem Mittagessen gefragt, begnügte mich aber mit einer Art Apfel (Mischung zwischen Apfel und Birne), sehr schmackhaft!
Heute kamen 6 „neue“ OP-Schwestern. Nach 3-jähriger Schwestern-Ausbildung stand nun die Einarbeitung im OP auf dem Programm, wie wir aus eigener Erfahrung wissen nicht ganz einfach für das leitende OP-Personal.

Vor dem Hospital:
- Patienten, die das Hospital zu Fuß, mit dem Motorrad, dem Privatwagen, einem Klein-LKW oder dem Krankenwagen erreichen.
- Patienten, die auf ihre Behandlung warten und mit den Angehörigen auf dem Klinikgelände ihre Mittagsmahlzeit einnehmen.
- Patienten, die nach der Behandlung das Hospital wieder verlassen.
Planung des Aufenthaltes einer Anästhesie-Schwester in Dhulikhel mit einer der leitenden Anästhesie-Ärztinnen: Personelle Unterstützung bzgl. Anästhesie ist nicht nötig, man hat genügend Personal. Gewünscht wäre eine 1-2-wöchige Schulung der Anästhesie-Schwestern. Vielleicht lässt sich das bei meinem nächsten Aufenthalt in Dhulikhel arrangieren.
Planung der OTA-Weiterbildung (Operations-Technische-Assistentin) für eine der am Krankenhaus arbeitenden Krankenschwestern. Nach Rücksprache mit der OTA-Schule Freiburg ist das möglich, verlangt werden ein entsprechender Schulabschluss und die Sprachzertifizierung C1. Aus meiner Sicht sollte die Schwester (Hygiene-Fachkraft) in der Lage sein, diese Anforderungen zu erfüllen. Evtl. wird sie dann ab Herbst 2020 an der OTA-Schule in Freiburg ihre Ausbildung fortsetzen.
Auf dem Heimweg:
18.11.2019
Heute langer Kliniktag! Klinikfrühbesprechun, Morgenbesprechung der Chirurgen, Stationsvisite, unterbrochen von einem Gespräch mit dem Pathologen, einem Rundgang durch die Pathologie und einem längeren Gespräch mit dem Dekan der Medizinischen Fakultät und gleichzeitig dem Chef der kardiologischen Abteilung, Prof. Koju Rajendra mit anschließender Besichtigung seiner Abteilung. Danach OP.
Klinikfrühbesprechung: neben dem Üblichen Begrüßung zweier Neurochirurgen aus Norwegen (Tromsö und Trondheim), die hier schon seit 12 Jahren immer wieder zu Gast sind.
Stationsvisite:
- 7-jähriger Junge mit offener Oberschenkelschaftfraktur, Motorradunfall, versorgt mit sog. intramedullärer Schienung
- 12-jähriger Junge mit körperfernem Speichenbruch (s.o.) mit Beteiligung der Wachstumsfuge, inzwischen versorgt mit zwei Kirschnerdrähten
- Dazu viele andere, die Station war voll, aber ich hatte ja Besprechungen, ich musste die Visite abbrechen.
Pathologie: Viele Räume, wenig Mobiliar, teilweise sehr alte Geräte. Schnellschnitte möglich, keine Obduktionen.
Kardiologie: Ein seit 5 Jahren nicht mehr benutztes Katheterlabor, 1 C-Bogen, 2 Monitore, aus meiner Sicht nicht mehr in Funktion zu versetzen.
Vernetzung: Das Krankenhaus hat auf allen Abteilungen Netzwerke, die aber untereinander nicht verknüpft sind.
Im OP:
- Heute viele Operationen von allen Abteilungen!
- 1 x laparoskopische indirekte Leistenhernie, Versorgung mit Netz-Plastik
- 1 x LWS-Tbc mit Ausräumung des Tbc-Herdes, Cage, Spongiosaplastik und Fixateur interne (wann haben wir in Deutschland das letzte Mal eine Knochen-Tbc gesehen, überhaupt schon mal gesehen?)
- 1 x Oberschenkelschaftfraktur, dynamischer Femurnagel
- 1 x distale Radiusfraktur, palmare T-Platte
Sauberkeit und Staub in Nepal: Nepal hat in den letzten 5 Jahren hinsichtlich Sauberkeit sicher große Fortschritte gemacht. Überall sieht man Menschen, die bemüht sind ihre Häuser und Geschäfte sauber zu halten. Dreckecken gibt es natürlich trotzdem noch. Was man in diesem Land nicht ändern kann, der Staub! Alles, was längere Zeit rumsteht verstaubt, der Staub wird in Gebäude getragen, von Fahrzeugen und vom Wind transportiert.
Beim Abendessen Abschied von zwei Ehepaaren, die hier seit einigen Jahren ehrenamtlich tätig sind, 1 Hautärztin, 1 Allgemeinmediziner (Hygiene-Weiterbildung), 2 Internisten (Ultraschall).
19.11.2019
Ein weiterer langer Kliniktag! (Jetzt fängt er doch tatsächlich schon an zu jammern!)
In der Frühbesprechung hielt ich vor versammelten Ärzteschaft einen Vortrag über „Terminologie und Dokumentation in der Handchirurgie“. Dieses Thema kann man nicht genug ansprechen, wo man hinschaut (nicht nur in Nepal!) werden sowohl Dokumentation als auch Terminologie vernachlässigt! Dokumentation ist anfangs zeitraubend und lästig, im Nachhinein aber nerven- und zeitsparend.
Stationsvisite:

Auch heute wieder viele neue Patienten, nie im Leben sah ich so viele Ober- und Unterschenkelfrakturen! Man tut also gut daran im Verkehr aufzupassen, auch als Fußgänger!
Schon gestern wurde mir eine 16-jährige Schülerin vorgestellt. Die Diagnose Kahnbeinfraktur mit anschließender Entwicklung einer Fehlgelenksbildung (nicht durchbaute Fraktur).
Schon vor 1 1/2 Jahren wurde sie operiert an einer körpernahen Oberschenkelfraktur, vermutlich hat man damals die Kahnbeinfraktur nicht erkannt, die OP wurde geplant für den 19.11.2019. Die OP fand wie geplant heute statt, Spongiosaplastik vom gleichseitigen Radius und Osteosynthese mit zwei Mini-Zugschrauben. Ging alles gut, hier die Röntgen-Bilder.
Kleines Mädchen mit einer Oberschenkelfraktur, die Mutter betreut sie rund um die Uhr im Krankenhaus.

40-jährige Patienten mit einer Versteifung (Ankylose) des linken Hüftgelenkes, vermutlich nach Infekt.
Guten Appetit!

Am Montag bat man mich eine Radiusfraktur zu operieren, statt eines Tischextensionsgerätes hatte ich zwei Assistenten, einer hielt Haken, einer zog an der Hand. Mit dem Ergebnis war ich unter Berücksichtigung des Unfall-Status zufrieden.
Arbeit der Assistenten:
Überall auf der Welt müssen Assistenten viel arbeiten auch in Nepal, dies jedoch mit einem gewaltigen Unterschied im Vergleich zu Deutschland! Man schaut hier nicht auf die Uhr, Arbeitszeitbegrenzungen gibt es offensichtlich nicht. Die Stationsvisite wird spät abends oder in den frühen Morgenstunden vorbereitet. Sämtliche Rö-Bilder liegen im Original oder digital vor, ein Plan mit der Stationsbelegung (Patientendaten, Diagnose, Therapie) wird täglich frisch erstellt und ausgedruckt. Ich hatte schon erwähnt, dass jeder Assistent auf seinem Smart-Phone über jeden Patienten die Unfall-Aufnahmen (Photo des Befundes und Rö-Bild) und die Verlaufsaufnahmen gespeichert hat. All dies entsteht in Eigenleistung und wird unter den Assistenten ausgetauscht.
Steriles Verhalten im OP:
Der Umgang mit der Sterilität muss als beispielhaft beschrieben werden! Der zu operierende Körperbereich wird, falls nötig, erst im OP rasiert, die Haut wird Betaisodona-Lösung mehrfach abgewaschen, danach erfolgt eine penible Abdeckung mit sterilen Tüchern. Muss ein Blasenkatheter gelegt, erfolgt auch dies unter hochsterilen Kautelen. Ähnliches gilt für das Legen von Venen-Kathetern, das Setzen einer Plexusblockade oder einer Spinalanästhesie. Eine Schwachstelle fiel mir jedoch sehr häufig auf. Der Abstand des „unsterilen“ OP-Personals zum abgedeckten Patienten, bzw. den „sterilen“ Tischen der OP-Schwester und den Operateuren ist meist zu gering, ab und und zu kommt es auch deutlich sichtbar zum Touchieren des sterilen Bereiches. Hier bedarf es fortdauernder Schulung aller im OP anwesenden Personen, damit dieses Risiko minimiert wird. Sterilität sieht man nicht, man muss auf Grund seiner Erfahrung damit vertraut sein! Niemand sollte meinen, dieses Problem gäbe es nur in Nepal und in anderen Ländern der dritten Welt. Zusammengefasst jedoch große Hochachtung vor dem, was in diesem OP-Bereich geschieht und wie es geschieht.
20.11.2019
Bei der Frühbesprechung ein sehr interessanter, mit Bildern untermalter Vortrag über eine Gruppe von Zahnärzten und Zahnmedizinstudenten, die ein Projekt in einem „Outreach“ von Dhulikhel-Hospital unternommen hatten. Die Landbevölkerung wurde zahnärztlich untersucht und soweit möglich behandelt. Gezeigt wurden Bilder von strahlenden alten Leuten mit reparierten oder auch „dritten“ Zähnen. Sicher ein sehr beachtenswertes und lobenswertes Projekt. Kommentiert wurde es von Ram Shrestha mit dem Satz: „Es ist relativ leicht eine Türe aufzustoßen, es ist sehr schwer sie offen zu halten!“
Bei der Visite wurde ich mit einer 82-jährigen Frau mit Unterarmfraktur konfrontiert. Radiussschaftfraktur am Übergang vom mittleren zum unteren Drittel, distale Ulnafraktur, ganz knapp proximal des Ulnakopfes. Geplant waren die Plattenosteosynthese des Radius und die Kirschner-Draht-Fixierung des Ulnakopfes. Mein Vorschlag: Plattenosteosynthese des Radius und Entfernung des Ulnakopfes. Vorteil: sofortige Mobilisierung möglich! Als „Dank“ für diesen Vorschlag durfte ich dann die Patientin auch gleich operieren. Gleich bedeutet: Schnitt um 15:00h zum Schluss des laufenden OP-Programms.


9-jähriger Patient mit einer habituellen und durch Trauma verstärkten Luxationstendenz zwischen dem 1. und dem 2. Halswirbelkörper, voroperiert in einem anderen Krankenhaus mit unglaublich viel Metall in der HWS (Körpergewicht!!). Bis jetzt noch keine sensiblen oder motorischen Ausfälle, der Junge hält seinen Kopf zeitweise mit beiden Händen fest, um die Halswirbelsäule zu schützen. Geplant sind die Metallentfernung und die Fusion zwischen den beiden betroffenen Wirbeln.
Kurz vor 17:00h war ich mit der OP fertig und zog mich ans Kaminfeuer in der Lodge zurück.
Operationsprogramme: Wie vermutlich schon mal formuliert, es ist erstaunlich, was an diesem Hospital so gemacht wird! Heute und gestern: Cholecystektomie laparoskopisch und offen (Entfernung der Gallenblase mit dem Endoskop oder offen), Nierensteinentfernung (endoskopisch mit Zertrümmerung des Steines), Leistenbrüche laparoskopisch und offen, Kreuzbandplatik (Knie), Wirbelfraktur mit Fixateur interne (jeden Tag eine Wirbelsäule!), Oberschenkelfraktur, Unterschenkelfraktur, Unterarmfraktur.

Freundlichkeit der Nepalesen:
Nach 2 1/2 Wochen kann ich sagen, bisher noch keinen unfreundlichen Menschen getroffen zu haben und das nicht nur im Hospital, sondern auch auf den Straßen. Überall wird man mit einem freundlichen „Namasté“ (Verbeugung zu Dir“) begrüßt. Belästigungen gibt es nicht, gebettelt wird auch nicht. Ich vergesse natürlich nicht auf meine Wertsachen aufzupassen, hatte aber bisher nie das Gefühl diesbezüglich in Sorge sein zu müssen!
21.11.2019
Entsprechend der Jahreszeit nimmt offensichtlich der Morgennebel zu, es klart aber gegen 09:00h auf, und es ist in der Sonne nach wie vor schön warm. Der Nebel kommt gegen 15:30h zurück, und es wird dann im Schatten rasch kühl.
Beim Frühstück saßen am Nachbartisch 2 Frauen aus Deutschland, beide sind mit einer Volunteergruppe eines Deutschen Immobilienverbandes hier tätig. Mit persönlichen Spenden und Spenden des Verbandes baut diese Gruppe von ca. 20 Personen im Hinterland von Dhulikhel zwei Häuser auf, die beim Erdbeben 2015 zerstört wurden. Die Bauarbeiten erfolgen unter Mithilfe der geschädigten Familien, die Kooperation wurde als sehr gut beschrieben. Die Häuser sind bis auf die Dächer fertiggestellt, die Dächer dürfen aus versicherungstechnischen Gründen (Deutschland!) nicht von den Freiwilligen errichtet werden, man könnte ja vom Dach fallen!!
Bei der heutigen Morgenbesprechung waren die Nepali wie immer schlecht zu verstehen. Fast alle können Englisch, aber mit einem starken Nepali-Akzent, dazu sprechen sie sehr leise. Den Unterschied konnte man heute bemerken, als sich zwei Kollegen aus Singapur vorstellten und über ihre Pläne in Dhulikhel berichteten. Das Englisch dieser beiden war sehr gut verständlich! Die Kollegin aus Singapur ist in der Palliativmedizin tätig (Ärzte, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten, Musiktherapeuten, Kontakt mit Haustieren) und möchten dafür auch in Dhulikhel das Interesse wecken. Offensichtlich bestehen aus aller Welt Kontakte zum Dhulikhel-Hospital, Gäste wurden in den letzten 2 Wochen vorgestellt aus: Australien, Deutschland, UK, Kanada, Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweiz, Singapur, USA.

Patientenberichte:
Bei der Visite gab es Oberarzt-Kritik, bei einer Patientin mit extendierter Schenkelhalsfraktur waren die Zehennägel nicht vom Nagellack befreit (eingeschränkte Beurteilbarkeit der kapillären Durchblutung unter den Nägeln!), der Oberarzt wartete solange bis der Lack durch eine der Schwestern entfernt wurde. In diesem Zusammenhang wies der Oberarzt auch darauf hin, dass sich „Kleinigkeiten“ addieren und letztlich zu schweren Folgen führen können, er sprach mir aus dem Herzen!
Ein ambulanter Patient mit einer 14 Tage alten Fraktur des Zeigefinger-Grundglieds und des Kopfes des zweiten Mittelhandknochens wurde zur Beurteilung über 8 Stunden mit dem Auto nach Dhulikhel gefahren! Man sieht, wie groß der Einzugsbereich dieses Hospitals ist! Auf der Chirurgischen Intensivstation (SICU=Surgical intensiv care unit) lag ein ca. 30-jähriger Patient mit Tetraplegie (Querschnittslähmung) nach Fraktur im Bereich der Halswirbelsäule. 72 Tage nach der Verletzung ist der Patient wach, versorgt mit einem Tracheostoma, fieberfrei, assistiert beatmet (CPAP=continuous positive airway pressure) und kann gut kommunizieren. Bisher hat sich noch keine ausreichende Spontanatmung entwickelt, würde man also die Maschine abstellen, wäre der Verlauf abzusehen. Die gleiche Problematik wie auf allen Intensivstationen!

Ergotherapie:
Heute hatte ich ein Treffen mit dem leitenden Oberarzt der Orthopädie-Unfallchirurgie sowie drei leitenden Mitarbeitern der Abteilung für Physiotherapie. Bisher gibt es in Dhulikhel und in Nepal noch keine eingerichtete Ergotherapie und keine Möglichkeit diesen Beruf zu erlernen. Die Orthopädie-Unfallchirurgie als auch die Physiotherapie sind sehr am Aufbau einer Abteilung für Ergotherapie/Handtherapie interessiert! Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn Ergotherapeuten für kurze Zeit zur Schulung der Physiotherapeuten nach Nepal zu schicken und dann den „Start“ sich selber zu überlassen. Das sieht man seitens der Kollegen vor Ort genauso. Statt dessen wäre man bereit 1-2 Physiotherapeuten nach Deutschland zu schicken, um dort die Ergotherapie-Schule zu besuchen, es mangelt allerdings am Geld, nicht an den willigen Personen. Mal sehen, evtl. besteht die Möglichkeit seitens der Universität Freiburg, evtl. auch unterstützt seitens des GRVD ein Stipendium zu bekommen!
Auf dem Heimweg machten meine Schuhe und ich bei einem Schuhputzer halt, der schon beschriebene Staub hatte ihnen doch stark zugesetzt. Ich durfte Platz nehmen, die Aktion dauerte 1/2 Stunde, ich hatte Gelegenheit dem Schuhputzer und seiner andere Schuhe reparierenden Frau zuzuschauen. Für € 3 (Bezahlung weit über Tarif!) bekam ich wieder ansehnliche Schuhe.

In einer kleinen Gasse kam ich an einem Kindergarten vorbei, zu meiner Freude fand ich dort dieses Wandgemälde.
Microfinance:
Als Mikrofinanz-Institutionen (englisch: microfinance institutions) werden Organisationen bezeichnet, die finanzielle Basisdienstleistungen wie Kredite, Sparbücher oder Versicherungen auch Kunden zur Verfügung stellen, die von herkömmlichen Banken aus verschiedenen Gründen nicht bedient werden. Mikrofinanz ist daher ein wichtiges Instrument der Entwicklungspolitik. Diese Sparte der Entwicklungspolitik entwickelt sich auch in Nepal. Kleinkredite in Höhe von € 150-300 werden nach strenger Prüfung vergeben an Frauen (ledig, geschieden, alleinerziehend), um damit ein kleines Geschäft oder einen Betrieb zu eröffnen. Die Frauen müssen diesen Kredit über einen Zeitraum von 3-5 Jahren zurückzahlen. Die bisherigen Erfolge sind vielversprechend. Die Entwicklung dieser Kleinkredite durch Muhammad Yunus (Bangladesh, ehemals Ost-Pakistan) führte 2006 zur Vergabe des Friedensnobelpreises an Muhammad Yunus.
22.11.2019
Erneut hatte es starken Morgennebel (oder war es teilweise Smog?).

Bei der Frühbesprechung wurde eine US-Amerikanerin vorgestellt, sie arbeitet als Ärztin bei der WHO in Genf und plant in Zusammenarbeit mit der Gynäkologie und Geburtshilfe des Dhulikhel-Hospital eine Pilotstudie zum Thema „Übertragung von Geschlechtserkrankungen auf das nichtgeborene Kind“. Schon Heiner Winker hatte mich auf die heute stattfindende „Convocation“ aufmerksam gemacht, seitens des stellvertretenden Klinikdirektors wurde erneut darauf verwiesen. Offensichtlich durfte man sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen.
Bei einem Kaffee vor dem Ambulanzgebäude lernte ich Sagar Dhital, einen 31-jährigen Nepali kennen. Sagar stammt aus einem kleinen Bergdorf 3-4 Stunden von Dhulikhel entfernt und ist das jüngste von 7 Kindern, drei Kinder starben. Zur Grundschule musste er jeden Tag jeweils 2 Stunden laufen, das Abitur legte er in einem Ort nahe Dhulikhel ab. An der Universität Dhulikhel studierte er Biologie, arbeitete nebenher und verdiente Geld, so konnte er sich das Medizinstudium in München finanzieren. Wegen sehr guter Leistungen bekam er zusätzlich Stipendien. Während seiner Studienzeit lernte er Deutschland kennen. Zur Zeit macht er sein praktisches Jahr (PJ), einen kleinen Teil der Zeit in Dhulikhel, den Rest in München und Zürich. Sein Ziel ist ein Spezialfach mit dem er sich am Krankenhaus in Dhulikhel etwas aufbauen kann.
Auf einem Berg neben dem Ort Dhulikhel, etwas höher als der Ort gelegen, wurden parallel zum Krankenhaus die vorklinischen Institute aufgebaut. Auf einem schönen Campus befindet sich die sogenannte „Vorklinik“, man kann von hier aus auf Dhulikhel und den Krankenhauskomplex herabschauen, bei klarem Wetter sieht man die Himalayakette. Auch die Vorklinik ist auf die Initiative von Dr. Ram Shrestha zurückzuführen, man kann nur staunen, was dieser Mann schon alles möglich gemacht hat!

Zitat Dr. Ram Shrestha (frei formuliert): „Ich studierte Medizin und baute ein Krankenhaus; ich bekam eine Tochter und baute ein Haus; ich kaufte ein Auto und baute eine Straße!“
Auf diesem Campus sollte also die „25th Convocation“ stattfinden. Alle Absolventen des Jahrgangs 2019 (Fachärzte, Medizinstudenten, Physiotherapeuten, Krankenschwestern und Laborchemiker) wurden geehrt durch die anwesenden Professoren, die Honoratioren, die Eltern und ihre Freunde. Die Veranstaltung fand in einem riesigen Zelt statt. Zunächst gab es einige Ansprachen (Dr. Ram Shrestha, einen Professor aus Indien, Chairperson of Manipal University, Jaipur, India und den Ministerpräsidenten von Nepal). Im Anschluss daran erfolgte die persönliche Übergabe der Zertifikate an die Absolventen. Indien hat Nepal und insbesondere Dhulikhel beim Aufbau der Universität und der Ausbildung der Ärzte über viele Jahre unterstützt, es besteht daher eine freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden Universitäten.
Im Rahmen seiner sehr eindrucksvollen Rede zitierte Dr. Ram Shrestha Henry Ford: „If you always do what you’ve always done, you’ll get what you’ve always got!“
Die ganze Veranstaltung war ausgesprochen würdevoll und gab zum Nachdenken Anlass. Bei unserem Staatsexamen 1975 bekamen wir unsere Urkunden per Einschreiben zugesandt!
Das Medizinstudium in Nepal ist sehr teuer, nur Familien der Oberschicht können sich diese Ausbildung für ihre Kinder leisten. Die Kosten für das ganze Studium in Dhulikhel betragen € 35.000, in Kathmandu € 40.000. Dazu kommen die Kosten für Lehrmaterial (Bücher etc.) und der Lebensunterhalt. Die Studiengebühren tragen zu einem nicht unerheblichen Teil zur Finanzierung des Krankenhauses und der Vorklinik bei. Sicher muss man diesen Sachverhalt hinterfragen, aber ein Sozialmodell mit Zugang von Studierenden auch aus den unteren Schichten wäre nicht bezahlbar und auf dem Boden der üblichen Schulausbildung nicht denkbar. Sicher stellt Sagar Dhital hier eine ganz große Ausnahme von der Regel dar! Auf dem vorklinischen Campus werden ausgebildet: Ärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten, Krankenschwestern und Laborchemiker.

Nach Schluss der Veranstaltung gelangten wir mit einem uralten Krankenwagen des Hospitals vor dem Pulk des Ministerpräsidenten (sehr viel Militär und Polizei) zurück ins Krankenhaus, wo noch einige ambulante Patienten warteten. Ein 2 Tage alter Säugling war aufgefallen mit einer Bewegungseinschränkung und Fehlstellung des rechten Armes. Bei der Geburt war es offensichtlich zu einer Claviculafraktur (Röntgenbild) und zu einer geburtstraumatischen Plexuslähmung gekommen. Man hofft auf eine spontane Besserung, die Fraktur wird ohne weitere Therapie abheilen.

Rauchen in Nepal:
Schon seit Beginn meines Aufenthaltes habe ich bemerkt, das sehr wenig geraucht wird! Auch die Mitarbeiter des Krankenhauses sieht man nur sehr selten rauchen.
Der Tag endete vor dem offenen Feuer, anschließend rochen meine Klamotten nach Holzrauch, aber nicht nach Nikotin.
23.11.2019
Heute Samstag, der freie Tag für viele Nepali, aber auch ein Arbeitstag wie jeder andere für ebenso viele. Geschlossen haben alle Behörden und ein großer Teil der Schulen, die Krankenhäuser haben nur Notfalldienst. Im Straßenverkehr bemerkt man das durch geringfügig verminderten Verkehr und weniger Stau.
07:45h sollte ich vor dem Krankenhaus erscheinen, geplant war eine Überraschung-Tour in die nähere Umgebung von Kathmandu. Manoj Karki, der „alles managende“ OP-Pfleger war pünktlich vor Ort, zunächst gab es noch einen Tee und ein heißes, mit Gemüse gefülltes Gebäck in einem kleinen Kaffee mit Einzelhandel.

Mit einem Jeep des Krankenhauses ging es dann Richtung Kathmandu los, inzwischen hatte sich die Gruppe noch um eine Krankenschwester vergrößert, die gerade ihre 4-jährige Bachelor-Ausbildung an der hiesigen Universität begonnen hat. Der Verkehr war tatsächlich nicht so stark und wir erreichten nach ca. 45 Minuten Kathmandu, wo wir Rabina, eine der leitenden Schwestern vom OP nebst ihrem 6-jährigen Sohn Sriyan aufnahmen. Die Gruppe war nun komplett und es ging weiter durch Kathmandu zu einem Ausflugsziel, den „Chandragiri-Bergen“, direkt an der Stadtgrenze von Kathmandu, 2520 m hoch. Mit einer Kabinenbahn der Firma Doppelmayr erreichten wir in wenigen Minuten den Gipfel, von dem man einen wunderbaren Ausblick auf die gesamte Himalayakette hat, wenn es nicht gerade Smog hat, es hatte Smog! Knapp unterhalb des Gipfels liegt das luxuriöse „Chandragiri Hill Resort“ mit einem traumhaften Pool, der in die Himalaya-Kette auszulaufen scheint. Hier wurde ich zum Mittagessen eingeladen, es gab typisch nepalesisches Essen und es war gut! Am Nachmittag klarte es auf, man konnte eine große Zahl von Gipfel erkennen, leider nicht den Mount Everest (Sagarmatha).

Auf der Rückfahrt nach Dhulikhel war der Verkehr erblich stärker, in Kathmandu gab es die üblichen Staus, gegen 16:00h wurde ich an der Lodge abgesetzt.

Den Rest des Nachmittages verbrachte ich mit dem Nacharbeiten meines Blogs. Dank des schlechten Internets gelingt es an manchen Tagen nur mit Mühe die Photos zu laden und den Blog ins Netz zu stellen.
24.11.2019
Sonntag, ein normaler Arbeitstag? Bei der Frühbesprechung war die Besetzung etwas dünner als sonst, setzt sich der Sonntag langsam durch? Der stellvertretende Krankenhauschef, Prof. Koju Rajendra berichtete über die „Convacation“ vom letzten Freitag, es scheint ein allgemein beachtetes, großes Ereignis gewesen zu sein, ca. 7000 Teilnehmer wurden gezählt.
Im Rahmen der „morning class“ für die „residents“ und „interns“ der Orthopädie-Traumatologie hielt ich einen Vortrag zum Thema „implant removal?“. Die Diskussion ging länger als erwartet. Auch in Nepal müssen bereitstehende Betten belegt werden! Zitat aus Deutschland: „Wenn ich keine Metallentfernungen an meinem Krankenhaus mache, habe ich zu viele leere Betten!“ Solche Aussagen dürften Futter für Herrn Spahn sein!?
Stationsvisite:
Seit fast drei Wochen begleite ich nun die Visite. Auffällig war, dass fast keine Patienten nach Unfällen und Operationen über Schmerzen klagten. Offensichtlich ist man mit der analgetischen Behandlung nicht zurückhaltend oder Nepalesisches haben eine höhere Schmerztoleranz? Die die Visite führenden Oberärzte wollen natürlich immer wieder mal die Verletzungs- oder OP-Wunden sehen. Die Verbände werden abgenommen von den jüngeren Assistenten, man bemüht sich dies mit Handschuhen zu tun. Die Hände der Oberärzte sind offensichtlich sauberer, Handschuhe sind hier nicht oder nur sehr selten erforderlich!? Diese Kritik ist natürlich auch in den europäischen Ländern angebracht! Um saubere Verbandwechsel zu ermöglichen, sollte zu jeder Visite ein Verbandswagen mitgeführt werden. Die verletzten Hände und Arme werden bei allen Patienten in einer Schlinge getragen. Dies sollte man bei Verletzungen von Unterarm und Hand nicht tun, höchstens zur Nacht! Eine verletzte oder operierte Hand kann man selber tragen und vermeidet damit die unnötige Einsteifung von Ellbogen und Handgelenk. Handgelenk und Hand sollten mit entsprechenden Unterarm-Handgelenksschienen ruhiggestellt werden.
Ausbildung der Assistenten:
Sowohl in den Sprechstunden als auch bei den Visiten und den Fallbesprechungen nimmt man sich ausreichend Zeit, um die Verläufe zu besprechen, zu kritisieren und das weitere Vorgehen zu diskutieren. Die Oberärzte sind eigentlich immer präsent und stehen für Fragen zur Verfügung. Fast alle Patienten sind auf den Smart-Phones der Assistenten gespeichert, die Verläufe können damit während der Visite oder in der Ambulanz sehr gut verfolgt werden!
Dienstzimmer der Assistenten:
Hinter der orthopädischen Station befindet sich das Dienstzimmer. Hier halten sich die Diensthabenden Ärzte auf und können ggf. auch schlafen. Hier werden auch die allfälligen schriftlichen Arbeiten ausgeführt (Stationspläne, OP-Pläne, …). Vier Betten, zwei Schreibtische, ein Computer, ein Drucker.

Orthopädische Ambulanz:
Spätestens beim Betreten der Ambulanz konnte man erkennen, dass der Sonntag in Nepal ein normaler Werktag ist, so voll wie heute war es in den letzten drei Wochen nicht!

In einem Untersuchungszimmer werden bis zu drei Patienten gleichzeitig untersucht und beraten und dies ohne jeglichen Zeitdruck.

Die Türen der Behandlungszimmer stehen offen, immer wieder schauen neugierige Augen herein („Wann bin ich denn an der Reihe?“). Jeder Patient hat ein Begleitheft, darin werden die Untersuchungsergebnisse und die Therapie handschriftlich notiert, der Patient nimmt dieses Heft und sämtliche Befunde mit und ist für deren Verbleib selbst verantwortlich. Gegen Mittag wurde das Wartezimmer erkennbar leerer.
Behandlungskosten:
Im Rahmen der Behandlungsbesprechung kommen natürlich auch die auf den Patienten zukommenden Kosten zur Sprache. Beispiel eines jungen Mannes mit einer offenen Oberschenkelfraktur (Motorradunfall), diese wurde mittels Nagel versorgt, es entwickelte sich ein Infekt (Osteitis). Der Patient kann belasten, muss sich aber wegen des infizierten Knochens einer oder mehrerer weiterer Operationen unterziehen. Die Kosten für die erste bevorstehende OP und die Medikamente wurden erläutert, der Patient meldet sich, sobald er die Kostenfrage mit sich und ggf. der Familie geklärt hat. Es gibt zwar einen „Charity-Fond“, dieser kann jedoch nicht alle Kosten übernehmen.
Motorradunfälle:
Ich habe es ja schon ausgeführt (s.o.), es gibt Unmengen von Motorrädern und Vespas, der Verkehr auf den Straßen ist atemberaubend, über die zahlreichen Unfälle muss man sich nicht wundern. 60% aller Unfalltoten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren! Natürlich heilen viele der Verletzung gut aus, bei vielen Patienten kommt es aber auch zu Komplikationen (Fehlgelenksbildungen, Knocheninfekt, Hautdefekt), hierdurch entstehen längere Krankenhausverweilzeiten, längere Ausfallzeiten am Arbeitsplatz (sofern vorhanden!), Verlust des Arbeitsplatzes droht, der Ernährer für die Familie fällt aus. Situationen, wie man es sich bei unserem Versicherungssystem nicht vorstellen kann.
NGO (Non-governmental organization):
In den letzten drei Wochen habe ich viele ehrenamtliche Mitarbeiter von den verschiedensten NGO erlebt. Sie kommen aus den verschiedensten Ländern, alle haben gute Ideen und sprühen vor Begeisterung und Energie. Kann es sein, dass sich hier viele Aktivitäten überkreuzen, wiederholen, gegensätzlich beeinflussen oder teilweise auch unnötig sind? Gäbe es eine Möglichkeit, diese Aktivitäten zu bündeln und so im Vorfeld vorsichtig regelnd eingreifen zu können? Man kennt ja unser aller Empfindlichkeit, aber sicher wäre hier eine „zentrale“ Planung geeignet spätere Misserfolge und Enttäuschen zu vermeiden.
Meine Idee:
An zentraler Verwaltungsstelle im Krankenhaus könnte man eine solche Stelle einrichten, an der alle NGO-Aktivitäten gemeldet werden sollten. Zum einen hat damit die Krankenhausleitung die Möglichkeit dirigierend einzugreifen, zum anderen können die NGO in der Planung ihrer Aktivitäten diese vorab mit dem Krankenhaus besprechen. In meinem Fall wurde dies so gehandhabt, Heiner Winker fragte vor meinem lange geplanten Aufenthalt in Dhulikhel an, ob es Sinn mache, dass jemand mit dem Spezialgebiet „Handchirurgie“ hier auftaucht.
Pollution (Umweltverschmutzung):
Auf meiner Reise habe ich Delhi, Kathmandu und nun drei Wochen Dhulikhel erlebt. Delhi liegt seit Wochen unter einer Smog-Glocke, in Kathmandu ist es je nach Wind etwas besser, in Dhulikhel kann man seit einer Woche auch bei Sonnenschein die Berge nicht mehr sehen! Man kann diese Situation nicht mit Europa vergleichen, eine derartige Smog-Glocke hat bei uns in Deutschland sicher noch niemand erlebt? Das Umweltbewusstsein in Nepal entwickelt sich auch, aber verzögert. Überall sieht man Menschen, die sauber machen und Müll abtransportieren, Gleichzeitig werden aber auch an vielen Stellen kleinere und größere Müllberge direkt an der Straße verbrannt!
Danke!
Für die Schwestern und Ärzte im OP und auf der Station gab es heute als kleines Dankeschön für die letzten drei Wochen, je einen Schokoladenkuchen. Wie in allen Krankenhäusern gibt es Kaffeepausen und man freute sich.

25.11.2019
Jakob hatte Ankunft und Weiterflug aus Istanbul annonciert, Ankunft in Kathmandu geplant für 11:10h, erfolgt um 11:03h.
Mein Morgen im Krankenhaus verlief wie üblich. Für Donnerstag-Abend wurde ein gemeinsames Abendessen für Ärzte und Schwestern der Orthopädie geplant, mal sehen, wer so kommt.

Gespräch mit Dr. Ram Shrestha und Verabschiedung. Ram Shrestha fliegt am 27.11.2019 für 4 Tage nach München um dort an der Jahrestagung der Namasté-Stiftung teilzunehmen. Gegen 12:30h war ich zurück im Hotel und wartete auf Jakob. Frau Ram saß auf der Terrasse und nahm dort ihr Mittagessen ein, wir hatten die Gelegenheit über die Geschichte des Krankenhauses zu sprechen. Frau Ram ist gebürtige Österreicherin aus Kärnten, gelernte RTA (Radiologisch technische Assistentin) und folgte ihrem Mann mit Tochter nach Nepal. Die Tochter studiert in Australien, Frau Ram führt das Büro ihres Mannes.
Kurz nach 13:00h erschien Jakob, schön sich so weit entfernt von zu Hause wiedersehen und in die Arme fallen zu können. Nach einem Willkommens-Cappuccino war zunächst mal eine Dusche angesagt, dann machten wir uns auf den Weg in die Stadt um den Ort gemeinsam zu erkunden.
Gassen durch Dhulikhel erkunden, zahlreiche kleine Geschäfte mit dem Alltagsbedarf, Schulkinder in Schuluniform auf dem Heimweg.

Noch immer ist Dhulikhel nach dem Erdbeben 2015 im Wiederaufbau begriffen, überall sieht man Trümmergrundstücke, aus denen Material für den Neubau gewonnen und dann von Frauen in die wachsenden Häuser getragen wird.
26.11.2019
Heute Frühbesprechung in Anwesenheit von Jakob, gleichzeitig auch unsere Verabschiedung von der gesamten Morgenrunde, denn wir wollten ja die verbleibenden Tage nutzen um zwei Ausflüge ins Hinterland von Dhulikhel zu machen.
Jakob und ich machten dann einen Rundgang durch das ganze Klinikgelände, nach wie vor muss man beeindruckt sein von der Größe dieses Krankenhauskomplexes. Zum Schluss unseres Rundgangs folgte ein kurzer Abschiedsbesuch bei der OP-Leitung mit Abgabe meines OP-Schlüssels.
Den Nachmittag nutzten wir zu einem Ausflug nach „Namobuddha“, ca 1800m hoch gelegen über Dhulikhel. Ich hatte dort mit Ursel und Heiner ja schon 2 Nächte verbracht, aber auch Jakob sollte diesen schönen Ort sehen. Rasch fanden wir ein Taxi, handelten einen vernünftigen Preis aus und erreichten nach ca. 30-minütiger Fahrzeit das Namobuddha-Resort. Erneut ein Ort der Ruhe, umgeben von wunderschöner Pflanzenwelt. Wir bekamen hier eine vegetarische Kleinigkeit zu essen und genossen die Aussicht, heute war die Himalayakette angedeutet zu sehen.
Nach unserer Mittagspause fuhren wir weiter zum Namobuddha-Kloster, um hier etwas ganz besonderes zu erleben!

Bei unserem Rundgang durch das Kloster wurden wir von einer älteren Nonne angesprochen und zwar auf Schweizer Deutsch! Wir kamen ins Gespräch und die „Züri-Nonne“ freute sich offensichtlich mit uns Kontakt aufnehmen zu können. Das Kloster wurde von einem der letzten tibetanischen Mönche, die aus Tibet fliehen konnten gegründet. Diesem Mönch gelang es nur mit erbettelten Spenden dieses Kloster aufzubauen, inzwischen sind Spender aus der gesamten buddhistischen Welt hinzugekommen.

Die Nonne lebt seit 28 Jahren in Indien und Nepal, seit 4 Jahren in diesem Kloster „Thrangu Tashi Yangtse“ und hat über viele Jahre die tibetische Philosophie studiert. In ihrem früheren Leben war sie zunächst Laborassistentin an einer Zürcher Kinderklinik und in Kliniken in Italien, später Inhaberin einer Boutique für edle französische Stoffe „auf der besseren Seite“ der Limmat. Im Sommer 2019 habe sie einen Besuch in der Schweiz gemacht, vor zwei Monaten habe sie ihr Bruder anlässlich ihres 80. Geburtstages in Nepal besucht. Den Besuch in der Schweiz habe sie natürlich in ihrer Ordenstracht gemacht. Unsere Frage: „Hat denn der Dalai Lama schon dieses Kloster besucht?“ Die Antwort der Nonne: „Nein, das darf er nicht, die Chinesen erlauben das nicht! Nepal gehört zwar nicht zu China, aber China hält den Daumen drauf!“
Mit unserem Taxi gelangten wir dann wieder zurück in die Lodge und konnten bei einem Cappuccino den Sonnenuntergang mit der heute wieder sichtbaren Himalaya-Kette genießen.
Gesundheitserziehung in Nepal:
Überall im Krankenhaus findet man gedruckte Plakate und Collagen zum Thema Gesundheitserziehung, interessanterweise mit vielen Zeichnungen und wenig Text, offensichtlich um auch den vielen Analphabeten das Studium dieser Informationen zu ermöglichen.
27.11.2019
Für die nächsten zwei Tage war ein Ausflug nach Manekharka, im Norden von Dhulikhel geplant. Manekharka liegt auf 1800m und ist Standort einer Außenstelle des Dhulikhel Hospital („outreach“).
Pünktlich um 09:00h wurden wir von einem Jeep nebst Fahrer und Guide abgeholt.
Nach wenigen Kilometern auf Teerstraße wechselten wir auf eine „Off road“-Piste, die ihrem Namen alle Ehre machte! Wir fühlten uns an Zeiten der „Camel-Trophy“ erinnert, die Älteren meiner Leser werden diese Aktion noch kennen. Insgesamt fuhren wir fünf Stunden über sehr unwegsames Gelände, ab und zu musste ein querlaufender Bach gekreuzt werden, Jakob und ich saßen auf den Hintersitzen und wurden kräftig durchgeschüttelt!
Mitten auf unserem Weg hörte die „Straße“ plötzlich und auch für den Fahrer unerwartet auf. Ein von oben kommender riesiger Bagger war dabei, eine neue Trasse für die Straße zu schaffen, also mussten wir warten, bis unsere Straße „fertig“ war. Dank 4WD schafften wir es, ein hinter uns herfahrender Bus erstaunlicherweise auch.
Die Straße wurde steiler und steiler, kaum zu glauben, dass auch Laster diesen Weg in die Berge bewältigen können.
Wir erreichten Manekharka gegen 16:00h. Unser Quartier bei einer Bauern-Familie, die ihr drei-stöckiges Haus mit Balkon 2015 bei den beiden Erdbeben verloren hat. Inzwischen steht ein neues zwei-stöckiges Haus mit drei Gästezimmern, einem großen Wohnzimmer mit integrierter moderner Küche und einem Dusch-WC-Zimmer. Außer den drei Gästezimmern wird dieses Haus offensichtlich nur dann genutzt, wenn die Kinder nach Hause kommen oder Gäste angesagt sind.
Das Leben der Eltern (Ehemann 69 Jahre alt) spielt sich im Erdgeschoss des erdbebengeschädigten Hauses ab. Hier kochte die Frau für uns und die drei zur Familie gehörenden. Das Zimmer mit festem Lehmfußboden, wunderschönen Natursteinwänden und alter Holzbalkendecke war sehr gemütlich. In einer Ecke war die Kochstelle, links und rechts daneben Regale mit Kochutensilien und Vorräten.

Vor dem Essen machten wir noch einen kurzen Spaziergang durch das Dorf und kamen an der Außenstelle des Dhulikhel Hospital und der Sekundarschule vorbei.
Sehr schön war der Blick auf den Gipfel des Langtang (7227m) in der untergehenden Sonne!

Wir traten den Rückweg an und begegneten einigen Schülern, die uns sofort in ein Gespräch verwickelten. Eine sehr hübsche 16-jährige, sehr gut englisch sprechende Schülerin, wie alle natürlich in Uniform, machte uns mit ihren Zukunftsplänen vertraut. Nach dem Abitur wolle sie Sciences studieren und später ein Doktor werden. So wie dieses Mädchen auftrat, wird sie es sicher schaffen!
Als Apéro bekamen wir einen Hirseschnaps mit Reiskörnern und ein wenig Büffelbutter, auch wenn es nicht so klingt, es war köstlich!
Das Dalbhat war ebenfalls sehr gut, einen Nachschlag lehnten wir nicht ab. Hinterher gab es auf Wunsch ein Glas warme Büffelmilch, entgegen unserer Erwartung schmeckte auch diese sehr gut (Natursüße).
Mit Hilfe unseres Guides konnten wir uns auch mit dem gastgebenden Ehepaar unterhalten. Die Familie hat 7 Kinder, alle arbeiten und leben in Kathmandu, können also wegen der „weiten“ Fahrstrecke die Eltern nur selten besuchen. Das Ehepaar ist nepalesischer Herkunft, hat einige Jahre in Indien gelebt und ist nach der Geburt der ersten Kinder wieder in ihr Himalayadorf zurückgezogen. In der gestrigen Nacht habe der Tiger zugeschlagen! Eine angebundene Ziege sei getötet worden, er habe sie wegen des Strickes aber liegen lassen müssen. Das Haus ist von einem hohen Zaun umgeben, zwei Schäferhunde bewachen das Gelände, wir brauchten also keine Angst zu haben.
Gegen 20:00h zogen wir uns zurück und hatten nach einem etwa 5-sekündigem „leichten Erdstoß“ (22:08h) eine sehr ruhige Nacht bis 05:00h.
Ganz so leicht war der Erdstoß aber wohl doch nicht, laut offiziellen Angaben 4,6 auf der Richter-Skala, das Epizentrum in unserer Nähe (stärkstes Erdbeben in Deutschland 2019 immerhin auch 4,5!).
28.11.2019
Punkt 05:00h, es war nach meinem Empfinden noch stockdunkel, krähte der Hahn des Hauses und bekam reichlich Antwort aus der näheren und ferneren Nachbarschaft.
Zum Duschen wurde kaltes Himalaya-Wasser angeboten, wir verzichteten und freuten uns auf das warme Wasser in unserer Lodge in Dhulikhel.
Nach einem landestypischen Frühstück (Bratkartoffeln, Spinat, gebratener Fisch, frische Fladen, Honig aus eigener Produktion, Schwarztee und warme Büffelmilch) verabschiedeten wir uns und wurden in einer Fahrt von erneut fünf Stunden zurück nach Dhulikhel gefahren. Ein großer Teil der Strecke verlief anders als am Vortag durch einige sehr malerische Himalaya-Dörfer. Überall wird gebaut, man ist noch immer bemüht, die Erdbebenschäden zu sanieren. Offensichtlich tendieren viele Nepalesen in ihren Dörfern ansässig zu bleiben, denn sonst würde ja nicht soviel gebaut. Links und rechts der Buckelpiste kunstvoll angelegte Reisterrassen, die noch immer mit einem von zwei Büffeln gezogenen Pflug bearbeitet werden.

Das letzte Viertel der Fahrstrecke war sehr verkehrsreich (LKW, Busse, Baufahrzeuge, Motorräder) und staubig, wir freuten uns sehr auf Dusche, Kaffee und Coca Cola.
Für den Abend war ein „Abschiedsessen“ mit einigen Mitarbeitern aus dem Krankenhaus geplant. Wir trafen uns im Restaurant der Dhulikhel Lodge, hatten einen gemütlichen Abend und versprachen uns ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Müll:
Der Müll, bzw. seine Entsorgung sind nach wie vor ein Problem! In den Häusern und direktem Nahbereich ist es meist sehr sauber. Immer wieder sieht man die dort lebenden Menschen bei der Reinigung. Aber was geschieht danach? „Sammeln und verbrennen!“ war die Aussage unseres Guides, und tatsächlich sieht man immer wieder kleinere und größere Feuer, wo der anfallende Müll verbrannt wird, sicher ein dem Smog sehr zuträgliches Verfahren. Außerhalb des direkten Wohnbereiches wird der Müll oft in Bächen und Flüssen entsorgt, hier muss noch viel an der Mentalität der Entsorger gearbeitet werden. Bei all unserer Kritik dürfen wir aber nicht vergessen, wie es vor einigen Jahren bei uns in Europa aussah und vielleicht stellenweise noch aussieht. Ich erinnere mich z. B. an eine sehr schöne sizilianische Meeresbucht, gefüllt mit Plastikmüll und den Zaun eines italienischen Flughafens, in dem sich unzählige vom Wind gebeutelte Plastiktüten verfangen hatten.
Staub:
Es ist unvorstellbar staubig in Nepal, vor allem in verkehrsreichen Regionen. Sobald man an Höhe gewinnt, wird es deutlich besser. Autos und Motorräder, die am Straßenrand stehen, sind nach einigen Tagen von einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt. Trotzdem findet ein großer Teil des öffentlichen Lebens direkt an der Straße statt (Straßenverkauf, kleine Restaurants, Spülen des Geschirrs, Körperpflege, Haareschneiden, Haarefärben, Reparaturen von Autos und Motorrädern, …). Der soziale Aspekt ist halt nicht zu vernachlässigen.
29.11.2019
Nach einer Nacht in der DLR (Dhulikhel Lodge Resort) unser letzter Ausflug, diesmal nach Nagarkort (2175m). Sulekha Shrestha, die leitende OP-Schwester hatte hier eine zwei-wöchige Fortbildung und zudem am 29.11.2019 noch ihren 40. Geburtstag.
Um 09:00h wurden wir von Dr. Sanu Shrestha, ihrem Ehemann und einem der Leiter der Emergency abgeholt. Zunächst führte uns der Weg wieder nach Kathmandu, auf dem Weg dorthin und in Kathmandu bekamen wir reichlich Informationen über die Entwicklung der Dörfer und Städte nach dem Erdbeben 2015. Immer noch sieht man viele Ziegelhäuser, die deutliche Spuren des Erdbebens zeigen, aber überall wird gebaut! Leider ist es so, dass sehr viel alte Bausubstanz abgetragen wird, weil teilweise der Wiederaufbau nicht lohnt und weil andere Häuser dem zunehmenden Straßenverkehr weichen müssen. Statt dessen werden neue Betonhäuser erstellt, die aber das Stadtbild leider sehr verändern.
Auffällig bei meinen vielen Fahrten durch die Vororte und durch Kathmandu: Überall Werbeplakate für weiterführende Privatschulen mit Diplom/Zertifikat. Zum einen ist der Drang nach Bildung sehr groß, zum anderen wird damit offensichtlich auch viel Geld gemacht.
Je länger ich mich in Nepal aufhalte, desto gelassener betrachte ich den Straßenverkehr. Nach deutschen Verhältnissen eine Katastrophe, aber die Verkehrsteilnehmer kommen zurecht. Man fährt in der Stadt auf keinen Fall schneller als 50km, man bleibt gelassen, nimmt Rücksicht, trotz des Chaos. Aggressives Verhalten ist den Nepalesen offensichtlich fremd.
Unser Weg führte uns in eine Baum- und Pflanzenschutz und in den Botanischen Garten. Schöne Anlagen, die man aber etwas besser pflegen könnte. Auch in den Parks leider zu viel Plastikmüll. Im Botanischen Garten eine große Zahl von Schulklassen in allen Altersstufen, offensichtlich ein beliebter Ort für Ausflüge und Weiterbildung.

Das Mittagessen nahmen wir in einem sehr schönen Lokal ein, die Kundschaft bestand überwiegend aus Geschäftsleuten, Verwaltungs- und Universitätsangestellten.
Bei der Fahrt durch Kathmandu wird man zur Zeit aufmerksam gemacht auf die vom 01.12. – 10.12.2019 in Nepal stattfindenden „South Asian Games“, Austragungsorte sind Kathmandu, Pokhara und Janakpur. Die teilnehmenden Staaten gehören zum SAARC (The South Asian Association for Regional Cooperation).
Um 14:00h wurde Luna, die Tochter von Sulekha Shrestha von ihrer Schule abgeholt (Privatschule, € 200 pro Monat), zusammen fuhren wir über eine serpentinenreiche Strecke, zum Teil „off road“ nach Nagarkot. Zu unserer großen Überraschung gibt es in diesem Ort, oberhalb von Kathmandu gelegen viele Hotels, in einem der schönsten fand die 2-wöchige Fortbildungsveranstaltung statt und wir waren ebenfalls dort untergebracht. Von Nagarkot und von unserem Hotel (Mystik Mountain Resort) genießt man einen traumhaften Blick auf die Himalaya-Kette. Offensichtlich war uns der nepalesische Wettergott hold, die Sicht war hervorragend! Am Abend des 29.11.2019 wurde der 40. Geburtstag von Sulekha gefeiert, als Überraschung hatten die Kursteilnehmer für eine Schokoladentorte gesorgt. Auch in knapp über 2000m Höhe schliefen wir sehr gut.
30.11.2019
Wir hatten uns über den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs orientiert, der Wecker klingelte um 06:00h. Von unserem Balkon hatten wir einen wunderschönen Blick auf die Himalaya-Kette, die in der Morgendämmerung immer deutlicher hervortrat. Selbst den Mt. Everest (Sagarmatha) konnten wir in der Ferne differenzieren. Der Sonnenaufgang war um 06:35h, wir hatten ein unvergessliches Erlebnis!
Nach dem Frühstück wurden wir von Dr. Sanu Shrestha auf eine kleine Wandertour in die Berge über Nagarkot begleitet. Sanu ist Vogelliebhaber und photographiert mit Begeisterung die Vogelwelt Nepals. Es ist erstaunlich, welchen Schatz an phantastischen Vogelbildern er zusammengetragen hat! Während unserer Wanderung hatten wir aus unterschiedlichen Perspektiven wunderschöne Ausblicke auf die verschneiten Berge des Himalaya (Gipfel zwischen 6000 und 8000m). Die Sichtverhältnisse, die wir am 29. und 30.11.2019 vorfanden sind wohl nicht die Regel, sehr oft sind die Gipfel des Himalaya wolkenverhangen.

Auf dem „kleinen Gipfel“ über Nagarkot angekommen wurden wir mit einer frisch verunfallten Motorradfahrerin konfrontiert. Ein Notfallmediziner und ein Handchirurg, „besser“ konnte die junge Dame nicht treffen. Was macht man in Nepal? Nach entsprechender klinischer Untersuchung wurde die Verletzte von ihren Begleitern auf eines der Motorräder verladen und zum Röntgen über die Off road-Straße ins Tal gefahren.
Mit einem Wagen des Krankenhauses traten wir um 14:40h den Rückweg an und erreichten eine Stunde später (ca. 15km Fahrstrecke) unsere Lodge. Vom hochgelegenen Ort Nagarkot bis ins Tal sahen wir sehr viele neugebaute und sehr viele im Bau befindliche Häuser, umso mehr irritiert einen der Zustand der Zubringer-Straßen, sicher nicht einfach für die zuliefernden Baufahrzeuge. Bei uns würde man zunächst einmal das Neubaugebiet mit einer Straße erschließen und dann bauen. Aber es wird gebaut, jedermann (frau) ist fleißig, offensichtlich versucht man mit allen Kräften die Folgen des Erdbebens vor 4 Jahren in den Griff zu bekommen. Unser Fahrer musste während der Fahrt oft nach dem Weg fragen, immer wieder kamen wir auf neugebaute Straßenabschnitte, die er nicht kennen konnte.

Allgemeine Sicherheit:
Nach vier Wochen in Nepal kann ich sagen, dass man sich in diesem Lande sicher fühlt! Zu keinem Zeitpunkt hatte ich ein unsicheres Gefühl, man wird nie bedrängt, Bettler gibt es so gut wie nicht. Dr. Sanu ließ seine wertvolle Photoausrüstung offen im Wagen liegen und kommentierte dies mit den Worten: „In Nepal nimmt man sich nichts weg, auch wenn der andere vielleicht etwas mehr hat!“
Abends konnten wir in Dhulikhel noch einmal die Berge des Himalaya im Licht der untergehenden Sonne bewundern, Eindrücke, die man sicher nicht vergisst!

01.12.2019
Heute konnten Jakob und ich ausschlafen, außer Packen, Frühstück und Warten auf unsere Abholung hatten wir nichts vor.

Erneut war das Wetter hervorragend, der Langtang und die gesamte von der Lodge zu überblickende Himalaya-Kette lagen in der Morgensonne. Ein schöner Abschluss meines 4-wöchigen Aufenthaltes in Nepal.
Die Abholung war für 12:00h vereinbart, verzögerte sich aber eine halbe Stunde. Ein weiteres Mal war es Sulekha, die auf unseren „Hilferuf“ reagierte und sofort einen Wagen in Bewegung setzte.
Sonntag ist normaler Arbeitstag, trotz des üblichen Straßenverkehrs schafften wir den Weg zum Flughafen in einer Stunde, also rechtzeitig.
Beim Check in hatte ich mit meinen zwei Koffern ein deutliches Übergewicht, um Mehrkosten zu vermeiden nahm ich den kleinen Koffer mit in die Kabine. Auch der Hinweis, dass ich mit zwei Koffern angereist sei, blieb ohne Konsequenzen.
Mein gutes Schweizer Taschenmesser hatte ich brav im Koffer verstaut, leider im Falschen! Den kleineren Koffer musste ich ja mit in die Kabine nehmen, er wurde durchleuchtet, man erkannte das Messer, jetzt erfreut es wohl einen Nepalesischen Beamten.
Auf dem Flughafen von Kathmandu trennten sich unsere Wege, Jakob flog um 15:33h mit Butan Air nach Butan, Richtung Osten und hatte den vermutlich aufregendsten Flug seiner Laufbahn vor sich. Genau eine Stunde später startete mein Flieger (Indigo) um 16:33h nach Delhi.
Vor dem Betreten der Flugzeugtreppe musste man sich noch einmal einer Untersuchung unterziehen, ich wurde abgetastet, mein Koffer wurde geöffnet. Wir kannten dieses Verfahren ja schon von unserer ersten Nepalreise 2014.
Der Flug verlief ungestört, lange konnte ich auf der rechten Seite die Himalaya-Kette im Abendlicht verschwinden sehen.

Zwischen Nepal und Indien gibt es witziger weise eine Zeitdifferenz von 15 Minuten, ich kam um 17:50h in Delhi an.
Auf Grund meiner Flugplanung musste ich in Delhi, wie schon auf dem Hinflug immigrieren, meine Koffer entgegennehmen, erneut einchecken und ein weiteres Mal emigrieren! Letztlich klappte auch dieses Unternehmen, einige Warteschlangen waren zu überwinden, dann konnte ich meine recht lange Wartezeit mit Duty free, Essen und Warten verbringen.
Mein „erster 1. Advent“ auf einem Flughafen!
02.12.2019
Der LH 761 (A 380) kam in Delhi planmäßig um 01:30h am Gate 19 an.
Abflug in Delhi 04:02h (Frankfurt 00:20h).
Der Flug war sehr ruhig, der Schlaf ebenfalls, der Film mittelmäßig, um 07:42h (Delhi 11:42h) erreichten wir Frankfurt.

Wie immer zügige Abfertigung in Frankfurt, aber auf den ersten durchgehenden Zug nach Freiburg musste ich nochmal bis 09:52h warten. Die Deutsche Bahn war pünktlich, ohne Verspätung kam ich um 12:00h in Freiburg an und konnte Brigitta in die Arme schließen. 4 Wochen Abwesenheit von zu Hause, das hatte es das letzte Mal 1984 gegeben, als ich David aus Arequipa/Peru nach Bad Krozingen holte.